¡Viva Méjico, cabrones!


Mein Besuch in einer evangelikalen Freikirche
14/08/2011, 19:38
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , , ,

Hinweis: Es ist keineswegs meine Absicht, jemanden in seinem Glauben zu kränken, sondern dies stellt nur meine persönliche Sichtweise dar. Deshalb bitte ich darum, dass religiös empfindliche Leute nur die ersten Absätze lesen.

Vielleicht hat sich der Eine oder Andere bereits gefragt, warum ich denn bisher noch kein Wort über meine Freunde hier vor Ort verloren habe, mit denen ich Schlittschuhlaufen und ins Kino gehe. Der Grund ist denkbar einfach: Es gibt ein großes Aber und deswegen wollte ich bis zu einem geeigneten Moment warten, bis ich die Fünf vorstelle. Und dieses Aber hat mit meinem titelgebenden Kirchenbesuch zu tun. Denn sie sind christlich. Sehr christlich. Und das auf eine Art, wie sie für einen typischen sekulären Deutschen doch ein wenig befremdlich ist.

Ich und Freunde

Von links nach rechts: Enrique, Jaime, Vero, Mayra, Alex. Es fehlt: Lili

Wie aber bin ich aber dann an die Gruppe geraten? Eigentlich fing alles mit einem genialen Spielzug an, der sich am Ende als Eigentor entpuppte. Durch meine Erfahrungen mit Ecuador gestählt, antwortete ich auf die Frage meiner Vermieterin, welcher Religion ich denn angehöre, mit: „Protestantismus.“ Bisher war ich damit immer ganz gut gefahren, denn da die meisten Latinos katholisch sind, lassen sie einen danach meistens mit Glaubensfragen in Ruhe, da man ja schon irgendwie christlich ist, wenn auch auf eine für sie seltsame Art. Leider konnte meine Vermieterin mit dem Wort protestante nichts anfangen (mein Fehler, luterano wäre richtig gewesen – aber nach 27 Stunden Reise und in einer Fremdsprache sind Fehler bei den spezifischen Bezeichnungen für Religionsgemeinschaften für einen Atheisten schon verzeihlich), weswegen sie mich fragte, ob das so was wie ein cristiano sei. Das übersetzte ich fälschlicherweise mit Christ, weswegen ich bejahte. Dummerweise bezeichnet man in Mexiko damit – warum auch immer – einen Evangelikalen und noch dümmererweise gehört meine Vermieterin einer eben dieser Freikirchen an, weswegen sie ob meiner Anwesenheit ganz verzückt wurde. Insofern hatte ich mir selbst eine schöne Grube gegraben, da ich jetzt natürlich schlecht zurückrudern konnte, ohne meinen Schlafplatz zu gefährden. Denn eins ist klar: Wer in einem mehrheitlich katholischen Land einer Freikirche angehört, ist niemand, der in Glaubenssachen Spaß versteht (alle, die nicht an die Macht der Diaspora glauben, mögen einmal in Cloppenburg die Unfehlbarkeit des Papstes in Zweifel ziehen).

Als unmittelbare Folge aus dieser Unterhaltung, die ansonsten glücklicherweise für mich ohne weitere Folgen blieb, da meine Vermieterin und ich uns mit freundlichem Desinteresse begegnen, was ich für sehr angenehm erachte, machte ich zwei Tage später die Bekanntschaft mit meinem Nachbar Jaime, der ebenfalls evangelikaler Christ ist, aber das nicht unbedingt ausstrahlt (zumindest ist er doch eher pragmatisch, was sein Umgang mit den göttlichen Geboten angeht). Mit ihm verstand ich mich prächtig und auch und gerade das stundenlange Sitzen mit ihm nachts auf der Veranda und die vielen Gespräche mit ihm, egal ob über ernsthafte oder unsinnige Themen (Wie erzieht man seine Kinder richtig? Man macht aus ihnen Kinderstars, behält das so verdiente Geld für sich, damit der Charakter der Kinder nicht versaut wird, und schmeißt sie mit 18 aus dem Haus, damit sie wie jeder anständige Mensch zu arbeiten lernen!), haben mich dazu bewogen, hier erst einmal wohnen zu bleiben. Außerdem lernte ich über ihn eine Gruppe von anderen jungen Leuten kennen, die freiwillig jeden Freitag in einem Kinderheim mit den Kindern spielen (dazu ein anderes Mal mehr). Da das Kinderheim zur Kirchengemeinde gehört, lässt sich ausrechnen, welcher Religion auch die anderen angehören. Trotzdem ist es ja aber nicht so, dass man mit diesen Leuten nicht auch Spaß haben könnte. Und darum mache ich ziemlich viel mit der Gruppe, auch wenn es manchmal schwierig ist, dass heikle Thema Religion zu umschiffen.

Nun begab es sich aber zu der Zeit, dass Jaime aus für mich noch immer etwas nebulösen Gründen seinem besten Freund Enrique (der auch zu der Gruppe gehört) erzählt hat, dass er in seinen Heimatstaat Michoacán fährt. Da Enrique aber nicht mitfahren wollte, blieb Jaime ebenfalls hier, wollte dies Enrique gegenüber aber nicht zugeben, weswegen er sich jetzt eine Woche lang nicht bei der Gruppe zeigen konnte. Ich finde das eigentlich nur lustig und habe daher brav mitgespielt. Auf jeden Fall wurde ich aber deswegen durch Enrique eingeladen, ob ich denn nicht am Samstag Abend mal mit in die Kirche kommen möchte. Aus einer Mischung aus Neugierde, Langeweile, Bequemlichkeit (ich hätte ja sonst eigene Pläne für den Samstag schmieden müssen) und auch dem Wissen heraus, dass man mich ohnehin nicht in Ruhe lassen würde, bis ich einmal dagewesen wäre, sagte ich also zu.

Bevor ich weiter schreibe, möchte ich an dieser Stelle explizit darauf verweisen, dass es mir fern liegt, dass Christentum oder Religion als solches schlecht zu machen oder zu veralbern. Ich finde Religion ein sehr spannendes Konzept und habe nicht ohne Grund mit dem Gedanken gespielt, vergleichende Religionswissenschaften zu studieren. Jeder Mensch braucht so etwas wie einen inneren Kompass, ein Leitmotiv für sein Handeln, und ob dieses nun „Am Ende steht das jüngste Gericht!“, „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu!“ oder „Ich will, dass die Anderen mich lieben!“ lautet, ist mir dabei eigentlich herzlich egal. Schließlich kann man das Neue Testament auch leicht in einem kurzen Satz zusammenfassen: „Sei ein guter Mensch!“ Und daran ist prinzipiell nichts verwerfliches. Ich werde jetzt aber trotzdem darlegen, warum das Christentum als Ganzes und diese spezielle Kirche im Besonderen nichts für mich sind.

Zuallererst eine Beobachtung zum evangelikalen Gottesdienst, den man als sehr effektiv bezeichnen kann: Zuerst werden die Gläubigen mit Musik in eine Art Trance versetzt. Dabei war es für mich spannend, der ich ja mit einer skeptischen Attitüde in die Kirche kam, wie einfach es ist, diesen Zustand hervorzurufen. Wir kamen mit einer halben Stunde Verspätung an, weswegen wir das meiste schon verpasst hatten, aber trotzdem hatten die eingängigen Gesänge, die laute und rhythmische Musik und die Anwesenheit von 200 Menschen eine starke Sogwirkung auf mich, obwohl ich innerlich sämtliche Abwehrmechanismen eingeschaltet hatte. Erkenntnis Nummer Eins: Unterschätze nie die Macht der Massenereignisse!

Warum aber jetzt die endgültige Erkenntnis, dass das Christentum nichts für mich ist und nie etwas für mich sein wird? Dies war dem Thema der Predigt geschuldet, das zufälligerweise an diesem Tag Gehorsam lautete. Gehorsam gegenüber Gott, Gehorsam gegenüber seinen Regeln und damit letztendlich auch um Gehorsam gegenüber den eigenen Eltern (es war eine Art Jugendgottesdienst). Letztendlich kristallisierte sich im Verlauf der Predigt das heraus, was das Christentum ausmacht und es für mich inakzeptabel macht: Die unbedingte Akzeptanz von Gott als nicht hinterfragbare Instanz und damit die unbedingte Akzeptanz vor allem von Autoritäten. Schließlich kumulierte die Predigt in der Aussage, dass man auf seine Eltern hören soll, weil sie es besser wissen. Und warum wissen sie es besser? Weil Gott dies so gesagt hat! Schließlich steht in den Zehn Geboten geschrieben, dass man seine Eltern ehren soll. Und da hört mein Verständnis auf. Ich habe kein Problem mit Autoritäten und auch nicht mit meinen Eltern, aber ich habe ein Problem damit, wenn man mir gegenüber keine Rechtfertigung gibt! Wenn man diesen Gehorsam zu Ende denkt, müsste ich aus dem Fenster springen, wenn mein Chef mir dies befiehlt: Er hat mir gegenüber die Autorität, um Anweisungen zu geben und muss diese nicht rechtfertigen. Und da nicht an ihm Zweifeln darf, bleibt mir nichts anderes übrig als es zu tun. Ich kann es nicht verhindern, aber jedes Mal wenn ich darüber nachdenke, bleibt mir nichts anderes übrig, als „Faschismus!“ zu denken. Vielleicht hat dies mit meiner Herkunft und unserer Geschichte zu tun, aber ich kann mit unbedingtem Gehorsam nichts anfangen. Und darum letztendlich auch nichts mit dem Christentum.

Aber neben diesem prinzipiellen Ansatz gab es noch weitere, speziellere Aspekte, die mich an dieser einen Kirche (ich weiß leider nicht, welcher speziellen Glaubensrichtung sie angehört oder ob sie eigenständig ist) und ihrer Glaubensauslegung stören:

  • Viele Gebete helfen viel!
    Da ich ein rationaler Mensch bin, denke ich Sachen gerne bis zum Ende durch. Dass dies in Glaubensfragen hinderlich ist, habe ich ja eben schon beschrieben. Aber auch in anderen Punkten kann ich einfach keine „logischen“ Zusammenhänge finden. Nun mag das vielleicht auch ein wenig viel verlangt sein, wenn ich von einer Religion spreche, deren Gott sich unter anderem dadurch definiert, dass er nur durch den Glauben existiert und sich nicht durch greifbare Beweise manifestieren wird. Aber soll ich mich deswegen verleugnen? Nein, bei aller Toleranz, das kann ich nicht. Und wiederholte Gebete sind und bleiben meiner Meinung nach unsinnig und durch nichts zu rechtfertigen, wenn wir tatsächlich von einer göttlichen Existenz ausgehen, die in unser Leben eingreifen kann. Denn wenn dem so ist und wir darüber hinaus davon ausgehen, dass Gott nur im Gebet von unseren Problemen erfahren kann, dann reicht ein Gebet vollkommen aus. Gott weiß danach um das Problem und wird in seiner Weisheit entscheiden, ob und wie er es lösen wird. Warum aber sollte Gott sich sagen: „Hui, da wollen ein paar Leute eine neue Kirche für mich bauen, haben aber nicht genug Geld. Das finde ich ja prinzipiell eine ganz gute Sache, aber ich bin mir nicht so wirklich sicher, ob sie sich das auch redlich verdient haben. Ich werde warten, bis sie exakt 457-mal dafür gebetet haben und dann – aber auch wirklich erst dann – werde ich ein Gemeindemitglied im Lotto gewinnen lassen, damit er das Geld der Kirch spenden kann.“ Was würde er denn machen, wenn die Leute nach exakt 456-mal Beten aufgeben und sich von ihm abwenden? Gut, er hat sie auf die Probe gestellt und sie haben sich als unwürdig erwiesen, aber dafür haben sie sich jetzt von ihm abgewendet und führen womöglich ein unchristliches Leben, da sie von der Religion enttäuscht sind. Ich würde das als nicht besonders nachhaltig bezeichnen wollen. Da Gott aber unfehlbar ist, sollten seine Entscheidungen am Ende nachhaltig sein. Und daher kann ich nicht glauben, dass viele Gebete besser sind als ein Einzelnes.
  • Alles, was einem widerfährt, ist Teil eines göttlichen Plans!
    Aber vielleicht irre ich mich ja auch und Gott ist einfach zynisch. Schließlich wurde ich ja auch darauf eingeschworen, dass ich Gottes Plan nicht hinterfragen, sondern akzeptieren soll. Das mag ja bei einem Ärgernis wie einem Beinbruch oder einem verspäteten Flugzeug auch durchaus zutreffen, aber kein Christ auf der Welt kann mir erzählen, dass der sexuelle Missbrauch von Dreijährigen ein Teil von Gottes Plan für irgendetwas ist! Ist die Idee dahinter vielleicht, dass dieses Kind andernfalls vielleicht später vorehelichen Sex haben wird und es sozusagen als Warnschuss vor dem Bug deshalb schon einmal vorsorglich von seinem Onkel vergewaltigt wird, damit es den Weg der Rechtschaffenheit gar nicht erst verlässt? Oder ist das ganze vielleicht ein Zeichen für uns Mitmenschen, dass wir gottesfürchtiger werden müssen, da wir den Weg der Tugend als Gesellschaft verlassen haben? Was es auch sei, dem Opfer gegenüber sind beide Sichtweisen zynisch. Kein Kind der Welt kann irgendetwas getan haben, dass dermaßen gegen Gottes Gesetze verstößt, dass es eine solche Prüfung überstehen müsste. Vielmehr sprechen solche Ereignisse eher dafür, dass im Falle seiner Existenz Gott sich aus unserem Leben heraus hält und nicht eingreift. Man könnte auch sagen, dass er den Schiedsrichter gibt und uns am Ende sagt, wie viele Punkte wir erzielt haben. Aber jeder der mir erzählen will, dass verhungernde Kinder in Ostafrika einen tieferen Sinn haben, wird auf Granit stoßen.
  • Schlage deine Kinder mit dem Stock!
    Wenn wir ohnehin schon bei den Kindern sind: Wenn ein Pastor in einer Predigt sagt, dass er seine Kinder schlägt, dann kann man das sicherlich – sofern man denn möchte – noch irgendwie tolerieren mit dem Satz: „Ein Klapps hat noch niemandem geschadet.“ Wenn ein Pastor in einer Predigt sagt, dass er seine Kinder mit dem Stock schlägt, dann muss ich an die beiden christlichen Erziehungsratgeber denken, die in Deutschland auf dem Index stehen, da in ihnen Tipps gegeben werden, wie man sechs Monate alte Kinder am besten mit dem Stock „erzieht“. Wenn ein Pastor in einer Predigt den Spruch bringt, der gerne als Generalabsolution in solchen Fällen gilt – „Mir tut dies selbst am Meisten weh!“ – dann ist es bei mir aus! Das konnte ich auch gegenüber meinen Freunden bei aller Zurückhaltung und Toleranz nicht unkommentiert stehen lassen. „Mir tut dies selber mehr weh als dir!“ – ein Satz, der so unverschämt gelogen ist, dass ich nicht weiß, wie die Menschen, die so etwas von sich geben, morgens in den Spiegel gucken können. Wann auch immer ich einem Menschen in meinem Leben physischen Schmerz zugefügt habe, so war dies nie, aber auch wirklich nie mit psychischen Schmerzen für mich selber verbunden. Denn wenn es mir wirklich Pein bereitet hätte, dann hätte ich die physische Gewalt doch gar nicht erst ausgeführt. Jemanden zu Schlagen ist für einen Menschen maximal mit Gefühlen wie Lust, Aggression, Rache, Hass verbunden, aber sicherlich nicht im Geringsten mit Schmerzen! Der Satz ist verlogen und dient nur dazu, vor sich selbst zu rechtfertigen, dass man etwas tut, was einem selber Falsch vorkommt. (Abgesehen davon möchte ich an dieser Stelle gerne auf die Bibelstelle „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ verweisen – solange man kein Masochist ist, stellt Schlagen daher sowieso keine Option dar!) Immerhin fand ich es beruhigend, dass ich scheinbar nicht der Einzige war, der die Aussage schockierend fand, da der Pastor danach sich sehr bemüht hat, das als eine logische Konsequenz aus dem Glauben an Gott darzustellen. Auch nicht gerade ein Pluspunkt…

Am Ende möchte ich trotzdem noch einmal darauf hinweisen, dass ich keineswegs ein Problem darin sehe, wenn Leute christlich leben und an Gott glauben – solange sie nur akzeptieren, dass ich es nicht tue.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Hier könnte dein Senf stehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: