¡Viva Méjico, cabrones!


Ein paar Worte zum Unialltag

Die Zeit vergeht schnell, in Deutschland ist jetzt Urlaubszeit und in Mexiko steht bald die erste Zwischenprüfung an. Doch darüber hinaus schleicht sich langsam der Alltag ein. Das heißt vor allem: Weniger Einträge hier im Blog. Ich werde versuchen, jede Woche was zu veröffentlichen, aber viel mehr wird es wohl leider nicht werden. Ich habe aber schon eine Liste von Themen ausgearbeitet, auf die ich zurückgreifen kann, wenn nichts aufregendes passiert ist. So wie zum Beispiel heute. Darum reden wir doch nach zwei Wochen einmal über den Unialltag.

Nun, ich habe es bereits einmal gesagt, dass die Tec (das Tec? Was ist der korrekte Genus im Deutschen? Bei wörtlicher Übersetzung wohl eher das Tec, aber das klingt schon sehr gewöhnungsbedürftig…), jedenfalls meine Uni in der spanischsprachigen Welt ungefähr das ist, was in der englischsprachigen Welt das MIT oder in der deutschsprachigen Welt die ETH Zürich ist. Nun, leider ist es so, dass Ruhm und Ehre meistens auch mit Arbeit verbunden sind und so muss ich sagen, dass das Studentenleben in Dresden sich dann doch in erster Linie dadurch ausgezeichnet hat, dass es so entspannt und locker war. Hier habe ich exakt vier Fächer zu je 4 SWS (nicht gerade ein überbordender Stundenplan), normal sind übrigens sechs Fächer, und trotzdem habe ich den Eindruck, dass ich noch nie so viel für die Uni tun musste – und das trotz des zweiten Semesters, das eigentlich nur aus Mathe, Technischer Mechanik und Physik bestand.

Moment, werdet ihr jetzt vielleicht sagen, vier Fächer, war nicht mal von fünf Fächern die Rede? Richtig, aber dazu später mehr. Erst einmal ein paar allgemeine Worte zur Studienorganisation.

Das Studium hier orientiert sich stark am angelsächsischen System. Massenvorlesungen sind unbekannt, da die Klassenräume alle maximal 36 Plätze haben und daher auch nicht mehr Leute einen Kurs belegen können. Gibt es Vorlesungen, die von vielen Studenten besucht werden (wie zum Beispiel Sociedad, ciudadanía y desarollo en México, das von allen Ingenieursstudenten als eine Art verpflichtende geisteswissenschaftliche Ergänzung gehört werden muss), werden entsprechend viele parallele Kurse angeboten, aus denen man sich den aussucht, der am Besten in den Stundenplan passt.

Die Fächer selbst sind eine Mischung aus Übung und Vorlesung und unterliegen alle der Anwesenheitspflicht. Bei 4 SWS sind z.B. nur sechs Fehltage erlaubt. Begründen muss man sein Fehlen allerdings nicht. Offiziell wird auch eine starke Verspätung als Fehltag gewertet, aber in der Praxis haben meine Dozenten die Leute immer im Nachhinein als Anwesend markiert, wenn diese darum gebeten haben.

Die Anwesenheitskontrolle läuft übrigens, wie fast alles an der Tec, über das Internet. Es gibt ein System namens Blackboard, das man sich als eine Art Mischung aus Hisqis und Opal vorstellen muss, und in dem nicht nur sämtliche Kursmaterialien und -informationen von den Lehrkräften hinterlegt werden können, sondern eben auch die Namenslisten eingestellt sind. Wie bei uns läuft alles über die Matrikelnummer, die ich daher auch bereits auswendig kann.

Der Unterricht selbst läuft viel mit Gruppenarbeit ab und da ich eher geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer belegt habe, wird auch viel Wert auf Meinungsaustausch gelegt. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit müssen dann entweder direkt vorgestellt werden oder bis zum nächsten Termin in PowerPoint umgesetzt werden, wobei zumindest meine Dozenten auch großen Wert auf eine gute Aufbereitung legen und es kritisch anmerken, wenn zu viel Text auf den Folien ist. Wer den Vortrag ausarbeiten muss, wird pragmatisch gelöst: Es wird gelost und einer hat eben Pech gehabt. Diskussionen gibt es keine, da ohnehin alle viel zu tun haben.

Darüber hinaus gibt es viele Hausaufgaben, wobei ich aber sogar noch einigermaßen Glück habe, da ich nur ein sehr intensives Fach habe, dass dafür aber sehr viel Zeit frisst, ein moderates Fach und zwei sehr entspannte Fächer ohne große Hausaufgaben. Das alles läuft ebenfalls über Blackboard und war auch der Grund, warum ich schweren Herzens am Ende doch 200 Euro in ein neues Netbook investiert habe – andernfalls müsste ich meine Wochenenden komplett in der Uni verbringen. Die Ausstattung dort lässt eigentlich nichts zu wünschen übrig: Ein großer Computersaal mit Laptoparbeitsplätzen; WLAN auf dem ganzen Campus; überall Steckdosen (insbesondere da, wo Sitzgelegenheiten sind); jede Menge öffentlich zugängliche Drucker (pro Seite ca. 3 bis 4 Cent), die sich vom Laptop aus ansteuern lassen, wenn man im Uninetz ist; ein Technikservice, der für Wartungsarbeiten am eigenen Laptop in Anspruch genommen werden kann; und – Trommelwirbel – Office 2010 gratis für alle Studenten. Selbstverständlich legal. Außerdem gibt es auf dem Campus noch eine Buchhandlung, einen Apple Store, ein Fitnessstudio (das jedem Studenten offen steht – zu jeder Zeit), einen Supermarkt und eine Schwimmhalle sowie fünf Cafeterien (von denen eine 24 Stunden am Tag geöffnet hat – die ganze Woche), eine Salatbar, einen Starbucks und ca. zehn Geldautomaten. Die Infrastruktur stimmt auf jeden Fall.

Die Hausaufgaben zählen im Normalfall für die drei Zwischenprüfungen. Ja, richtig gehört, drei Zwischenprüfungen pro Semester sowie eine Abschlussprüfung. In jedem Fach. Auch denen ohne großen Inhalt wie z.B. Guionismo, wo wir eigentlich nur Kurzfilme ansehen, analysieren und Ideen für unsere eigenen Drehbücher finden müssen (dazu werdet ihr sicherlich häufiger etwas hören, da ich über einen deutschen Austauschstudenten schreiben möchte und unvoreingenommene Sichtweisen brauche). Die Notenvergabe der einzelnen Teilprüfungen erfolgt dabei nach einem Punktesystem, das ich schon in Ecuador kennen gelernt habe und das mir immer noch ein wenig unausgewogen erscheint: Mehrere Teilaufgaben zu verschiedenen Punktzahlen ergeben zusammen mindestens 100 Punkte, wobei jede Teilaufgabe für sich bewertet wird. Am Ende benötigt man 75 Punkte, um zu bestehen. Wie bei uns gibt es fünf Notenbereiche, wobei man eine Eins nur mit 100 Punkten erreichen kann. Das System erscheint mir ein wenig unausgewogen, weil es dazu führt, dass ich viele Füllaufgaben habe, die scheinbar nur dazu dienen, um Punkte vergeben zu können. Außerdem bezweifele ich, dass es bei den Einzelaufgaben große Spielräume bei der Bepunktung gibt, damit bloß keiner am Ende wegen der Aufsummierung kleiner Fehler unter die 75 Punkte fällt. Warum nicht einfach prozentual anteilig bewertet wird, ist mir gewissermaßen ein Rätsel. Ich schätze aber mal, dass das Notensystem zu den kulturellen Eigenheiten gehört, die man einfach akzeptieren muss, da sie keiner so richtig erklären kann (oder wer kann mir jetzt aus dem Stegreif erklären, warum wir in Deutschland ein Sechser-System bei den Noten haben, was überhaupt nicht mit unserem Dezimal-System in Einklang zu bringen ist?). So wie z.B. auch die Tatsache, dass Sachen, die in einer/zwei Wochen fällig sind, in Lateinamerika in acht/fünfzehn Tagen abgegeben werden müssen.

Was es mit den einzelnen Fächern auf sich hat, werde ich dann im Verlauf der nächsten Wochen näher erläutern. Aber wie angekündigt möchte ich noch kurz darauf eingehen, warum ich plötzlich nur noch vier Fächer habe: Ich habe Doing Business in Latin America abgewählt und damit nur noch Kurse auf Spanisch. Was waren die Gründe dafür? Zum Einen fiel es mir leichter als erwartet, dem spanischen Unterricht zu folgen, und da ich hier ja vor allem gelandet bin, um mein Spanisch zu verbessern, gab es also keinen Grund, einen englischsprachigen Kurs zu wählen. Als zweiten Grund wäre da der Dozent zu nennen, der mir zu anstrengend erschien, um es ein Semester mit ihm auszuhalten. Und den dritten Grund möchte ich einmal mit einem schlechten und rassistischen Wortspiel mit einer Line aus einem HipHop-Song der neunziger Jahre umschreiben: Too many Germans, not enough Mais. Mir waren schlicht zu wenig Mexikaner (5!) und zu viele Deutsche (15!!) im Kurs. Als dann die Gruppeneinteilung noch dazu nicht per Los erfolgen sollte, was natürlich dazu führte, dass alle nur etwas mit Landsleuten machen wollten, war das für mich Grund genug, den Kurs zu verlassen.

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