¡Viva Méjico, cabrones!


Speed Dating in Zeiten der Casino-Überfälle
28/08/2011, 20:34
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , , ,

So schnell kann es gehen – nach nur einem Monat wird man aus der heilen Welt gerissen und kann sich plötzlich nicht mehr sicher fühlen, wenn man auf die Straße geht. Oder?

Glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm wie es vielleicht aus der Ferne wirkt. Und nun ja, die meisten deutschen Korrespondenten leben auch nicht hier, sondern in Mexiko City oder gar in Argentinien. Mit anderen Worten: Die lesen auch nur Zeitung und gucken CNN.

Damit will ich gar nicht den Eindruck erwecken, dass das doch alles nur aufgebauscht ist und hier alles Friede, Freude, Eierkuchen sei, aber ich habe die Artikel, die bei Spiegel Online und sueddeutsche.de zum Überfall auf das Casino erschienen sind, aufmerksam verfolgt und möchte einen vielleicht etwas anderen Blickwinkel ermöglichen.

In Deutschland liest es sich nämlich leider ein wenig, als ob es hier wie in Somalia wäre: Ein gesetzloser Bürgerkrieg, der jeden jederzeit und grundlos bedroht, der sich auf die Straßen traut. Oder anders gesagt: Wer freiwillig in Monterrey lebt, muss selbstmörderisch veranlagt sein. Dem ist aber nicht so – ich habe schon einmal ganz am Anfang geschrieben, dass man sich in der Stadt frei bewegen kann. Ich fühle mich hier auch deutlich sicherer als ich mich vor acht Jahren in Ecuador gefühlt habe, da zum Beispiel deutlich weniger private Sicherheitsleute präsent sind (dafür aber deutlich mehr Militär, dessen Präsenz mich zugegebenermaßen jedes Mal sehr unruhig macht). Meine Einkäufe erledige ich meistens zu Fuß, ich laufe die knapp zehn Minuten zur Uni und auch bei Dunkelheit war ich innerhalb unseres Viertels schon alleine auf der Straße unterwegs, um im nächsten Oxxo (so eine Art Tankstellenshop ohne Tankstelle, der 24 Stunden geöffnet hat und immer maximal 5 Minuten entfernt ist) noch schnell Chips oder was zu trinken zu kaufen. Taxi und Busse sind auch nicht unsicherer als in Deutschland, aber deutlich billiger. Man könnte also sagen, ich führe ein ganz normales Leben und was in Deutschland in der Zeitung steht, ist doch ziemlich übertrieben, oder?

Ja und Nein – es stimmt schon, dass ich nicht sonderlich glücklich darüber bin, was in Deutschland in der Zeitung steht, aber eigentlich, weil ich die Situation nicht richtig in ihrer Wirkung dargestellt finde. Wie bereits gesagt, in Deutschland liest es sich, als ob es ein Risiko wäre, in Monterrey aus dem Haus zu gehen. Das wäre aber meiner Meinung nach etwas, was man kontrollieren kann: Wer im Haus bleibt, ist sicher. Das wäre vielleicht nicht angenehm, aber effektiv.

Das Casino Royale nach dem Anschlag

Das Casino Royale nach dem Anschlag

In Wirklichkeit besteht das Risiko aber darin, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Lest noch einmal die Artikel über den Anschlag im Casino Royale – überall wird explizit erwähnt, dass die Attentäter die Besucher angeschrien haben, sie sollen verschwinden. Mit anderen Worten: Die Zivilisten waren nie das Ziel, sondern es ging um das Casino, da die Besitzer kein Schutzgeld gezahlt haben. Alle Opfer starben wegen mangelhafter Notausgänge oder weil sie an Orte ohne Ausgänge geflohen sind. Ich will damit jetzt keine Verherrlichung der Täter betreiben, denn dass es sich um Mörder handelt ist keine Frage; die zivilen Todesopfer wurden einfach billigend in Kauf genommen. Ich wollte damit etwas anderes deutlich machen: Keines der Opfer des Anschlags musste damit rechnen, dass es auf einer Todesliste steht, keines der Opfer war im Bewusstsein, den Zorn der Drogenkartelle auf sich gezogen zu haben. Es waren einfach nur Leute, die an diesem Nachmittag im Casino waren (warum man mitten am Donnerstag Nachmittag Zeit und Geld hat, in ein Casino ohne Lizenz zu gehen, mögen andere klären).

Und das ist es, was ich als so perfide empfinde – man kann eben nichts dagegen machen. Es ist einfach Schicksal. Wenn es wenigstens so wäre, dass die Leute für ihren Schmuck gestorben wären oder weil sie sich mit einem Drogenkartell angelegt haben, dann könnte man wenigstens noch sagen: „Solange ich mich so und so verhalte, wird mir nichts passieren“ Aber leider ist es so, dass es dich überall und immer ohne Vorwarnung treffen kann. Man kann genauso im eigenen Haus von einer bala perdida, einem Querschläger, getroffen werden, wenn sich vor diesem zwei Drogengangs bekriegen, wie man auch irgendwo in der Öffentlichkeit ein Opfer werden kann.

Mich selbst lässt so etwas zwar eher kalt, da ich rational für mich keine größere Gefahr für mich erkennen kann als vorher. Aber als ich heute mit Jaime in einem beliebten Restaurant saß, musste ich auch kurz darüber nachdenken, ob der Besitzer nur ja sein Schutzgeld bezahlt hat, damit nicht plötzlich ein Kommando der Zetas den Laden stürmt. Zwar nur ein paar Sekunden, aber immerhin – mehr als ich vorher drüber nachgedacht habe.

Trotzdem hat der Anschlag weder auf mich, noch auf die Stadt, einen allzu großen Einfluss. Ich war seit dem Anschlag bei einem Speed Dating, im Kino, auf einer Party, im Museum und zweimal im Restaurant. Ganz normaler Alltag eben. Ein sehr großes Thema war der Anschlag mit meinen Freunden auch nicht – von der „Schockstarre“, wie der Spiegel schreibt, ist die Stadt weit entfernt. Noch lassen sich die Monterregios Regiomontanos, die Einwohner Monterreys, scheinbar nicht klein kriegen von den Drogenkartellen, die in ihrer Stadt wüten. Und auch wenn es bereits mehr als 40.000 Tote im Krieg gegen die Drogen gab, sollte man immer bedenken, dass die meisten Opfer Mitglieder in Drogenbanden oder Staatsangestellte sind. Wie wurde es mir in der Sicherheitsschulung gesagt? „Wir sind nicht das Ziel der Kämpfe, wir sind Zivilisten.“ Und solange das so bleibt, werde ich meine innere Sicherheit hoffentlich bewahren können.

Advertisements

4 Kommentare so far
Hinterlasse einen Kommentar

Die entscheidende Frage ist doch wohl, wie das Speed Dating lief.

Kommentar von Sebastian

Ich bin hier immer noch in Mexiko, nicht Schwaben – da kannst du doch nicht schon jetzt eine Auswertung von den Veranstaltern erwarten…^^

Ich denke aber, dass ich ein paar Mailadressen bekommen werde.

Kommentar von MuGo

Sechs, um genau zu sein…

Kommentar von MuGo

Ist das witzig, genau das war auch mein erster Gedanke! Sechs Mailadressen ist aber viel, Masse statt Klasse? 😛 Dann wünsche ich Dir noch viel Spaß und pass auf, dass Du Deine Liebsten nur in Lokalitäten mit Schutzgeldern ausführst! 😉

Kommentar von Katharina




Hier könnte dein Senf stehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: