¡Viva Méjico, cabrones!


Grito und Día de la Independencia

Ein langes Wochenende liegt hinter Mexiko und mir und es ist an der Zeit, dass eine oder andere Wort darüber zu verlieren. Um euch nicht mit einem ewig langen Beitrag zu erschlagen, den dann doch keiner liest, werde ich das Ganze in zwei leichter verdauliche Abschnitte teilen und erst über den 15./16. und anschließend über den 17./18. September.

Wie dem einen oder anderen dabei bewusst sein dürfte, hatte ich am 15. September Geburtstag. Aber in der langen Geschichte der Menschheit gab es auch andere Menschen, die es sich nicht nehmen lassen wollten, an diesem Tag Geburtstag zu haben. So zum Beispiel Porfirio Diaz, seines Zeichens Ex-Diktator von Mexiko (übrigens wurden seit dem letzten Putsch 1920 alle Präsidenten per Wahl bestimmt – was nicht heißt, dass Mexiko durch und durch demokratisch war…). Da Herr Diaz anscheinend eine gute Geburtstagsparty zu schätzen wusste, war er sich nicht zu schade, einfach eine neue Tradition einzuführen: Am Vorabend des Día de la Independencia, also des Unabhängigkeitstages, wird der Grito de la Independencia begangen. Das bedeutet, dass überall in Mexiko die Unabhängigkeitserklärung von Miguel Hidalgo auf den Balkons der Rathäuser verlesen wird. Zum Abschluss dürfen dann alle „¡Viva México!“ rufen und Feuerwerkskörper in die Luft schmeißen. Warum das ganze am Vorabend des Unabhängigkeitstages passiert? Nun, der Geburtstag von Herrn Díaz ist der 15. September. Ein Schelm, wer Porfirio Díaz hier Böses unterstellen möchte…

Nach dieser kleinen Einführung sollte also klar sein, was mein Plan für meinen Geburtstag war: Mir den Grito angucken und das anschließende Feuerwerk als meines erachten. Allerdings haben mir da die Drogenbanden einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch der Reihe nach.

Der Tag fing erst einmal ganz normal an, da ich morgens zur Uni musste. Dort dämmerte mir dann langsam, dass ich anscheinend der einzige Ausländer war, der das Wochenende nicht dazu genutzt hatte, nach Guanajuato und/oder Mexiko City zu fahren. Auf jeden Fall war ich der einzige in meinem Kurs und konnte auch sonst keinen Ausländer antreffen. Auch die meisten Mexikaner, mit denen ich sonst etwas unternehme, waren entweder weg oder auf Partys eingeladen, die sich mit dem Grito überschnitten.

Auf dem Rückweg nach Hause kamen mir dann plötzlich eine verwegene Idee: Wenn sowieso niemand da war, mit dem man etwas trinken gehen könnte, dann könnte ich mir stattdessen doch auch ein Football-Spiel ansehen. Schließlich ist das so etwas wie der inoffizielle Nationalsport der Tec (wahrscheinlich, weil die Unimannschaft, die Borregos Salvajes, also die Wilden Steinböcke, Rekordmeister der mexikanischen Liga ist) und am Abend fand das erste Heimspiel statt.

Get ready to rumble!

American Football, liebe Leute, ist ein unheimlich spannender Sport. Glaube ich zumindest. Genau sagen kann ich es nicht, weil der Gegner, eine konkurrierende lokale Uni, dermaßen schlecht war, dass sie regelmäßig ihre Pässe versemmelten, weil der Quarterback die Bälle irgendwo hinwarf, wo garantiert keiner seiner Mitspieler stand. Eine denkbar schlechte Strategie für ein Spiel, bei dem es darum geht, Pässe zu fangen. Wenn der Ball einmal nicht durch die Gegend gebolzt wurde, konnten die Abwehrspieler der Borregos den Gegner meistens innerhalb von Sekunden stoppen.

Während eine solche Unterlegenheit beim Fußball meistens dafür sorgt, dass die überlegene Mannschaft wenigstens hübsches „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei.“ spielt, sorgen die Regeln beim Football dafür, dass das Spiel andauernd unterbrochen wird und die Mannschaften sich neu organisieren. Der Spielfluss kommt also zum erliegen, wenn eine Mannschaft jeden, aber auch jeden Angriff vier Mal wegen ungenauen Passspiels wiederholen muss, bis sie endlich den Ball an die gegnerische Mannschaft verliert. Für die eine Stunde Spielzeit brauchten wir ohne Halbzeitpause geschlagene zwei Stunden – und das nur, weil der Zeitnehmer am Ende geschummelt hat und die Uhr einfach runterticken ließ, egal zum wievielten Mal die gleiche Spielsituation wiederholt werden musste. Einziger Trost dieser zum Ende quälend öden Erfahrung, die nur bei den Szenen meines Teams aufblitzen ließ, warum dieser Sport so viele Menschen fasziniert, war der haushohe Sieg der Borregos. 62:6 – das könnte man mit einem 8:1 im Fußball vergleichen. Trotzdem, ich glaube, dass die Spiele gegen starke Gegner, die ebenfalls Bälle fangen können, richtig spannend werden können. Darum werde ich zusehen, dass ich diesen Samstag Abend auch das Spiel gegen Toluca sehen kann. Endet das Spiel genauso langweilig, dann war es das für mich und den American Football – wenn nicht, kann ich mir gut vorstellen, dass ich einen neuen Lieblingssport haben werde.

Soviel also zum Thema American Football. Da das Spiel etwas länger als gedacht gedauert hat, musste ich nun zusehen, dass ich irgendwie auf Jaime treffe, um dann zum Grito zu gelangen. Allerdings war Jaime nicht zuhause anzutreffen. Nach einigem hin und her wurde dann klar, dass er auf einer Feier in der Innenstadt war und ich doch mit dem Taxi nachkommen solle. Die Adresse musste ich ihm dabei fast mühsam aus der Nase ziehen.

Als ich dann endlich an der Adresse ankam, wurde mir aber auch klar, warum Jaime sich nicht sicher war, ob er mir verraten sollte, wo er denn steckte. Ich kann nämlich jetzt mit Fug und Recht behaupten, auf einer Party schwuler evangelikaler Mexikaner gewesen zu sein. Wahrscheinlich hatten sich die Anwesenden gedacht: „Wenn schon, denn schon!“ – wieso man als Schwuler in Mexiko, also als jemand am unteren Ende der Popularitätsskala, sich auch noch gleich eine andere Minderheit suchen muss, ist mir schon ein Rätsel. Wenigstens aber konnte ich mir innerlich auf die Schultern klopfen, dass mich mein Eindruck beim ersten Zusammentreffen mit einigen der Gäste nicht getäuscht hatte. Jaime selbst kennt die Leute wohl über deren Freikirche, aber wie er da genau rangeraten ist, weiß ich auch nicht so genau. Auf jeden Fall ist mir nun klar, warum unsere anderen Freunde nichts von dieser Gruppe wissen sollen…

Aber egal, wir mussten ja weiter, damit wir pünktlich um 23:30 Uhr dabei sein konnten, wenn es mit dem Grito los ging. Fast pünktlich um 23:37 Uhr waren wir dann auch am Rathaus – nur um festzustellen, dass der Grito schon um 23 Uhr begonnen hatte und nun alle nach Hause gingen. Party? Feuerwerk? Fehlanzeige! Aber immerhin wurde mir jetzt auch der Grund erklärt: Zum einen ist es in Monterrey unüblich, auf der Straße zu feiern (was wohl weniger etwas mit der Sicherheitslage zu tun hat als mit der Amerikanisierung); zum anderen wurde letztes Jahr in einer anderen Stadt während des Gritos eine Handgranate in die Menge geworfen, was nun bei vielen Mexikanern dazu geführt hat, den Grito zu meiden.

So endete also mein Geburtstag damit, dass ich ziemlich enttäuscht wieder nach Hause fuhr. Und mich insgeheim ärgerte, nicht mit nach Guanajuato gefahren zu sein, sondern auf den späteren Ausflug gesetzt zu haben.

Essen im Cabo Grill

Doch schon am nächsten Tag wurde alles wieder ein besser. Bei sehr angenehmen Temperaturen verbrachte ich erst den halben Nachmittag beim Essen, zu dem ich ganz nach mexikanischer Manier selbstverständlich eingeladen wurde als Geburtstagskind. Gerade weil ich die meisten der anderen Gäste vorher noch nie gesehen hatte, fand ich das eine besonders nette Geste. Später traf ich mich dann mit meinem einen Tandempartner Marco (er übt Deutsch, ich übe Spanisch) am Paseo Santa Lucía, der Uferpromenade in der Innenstadt, wo wir über Gott und die Welt redeten, bis er mich wieder zur Tec begleitete, da ich ein Ticket für die Tanzrevue Raíces gekauft hatte (ein blöder Fehler vorher niemanden zu fragen, ob er mit möchte).

Marco und ich

Warum gehe ich zu einer Tanzrevue? Weil ich vorher schon Kostproben gesehen hatte. Die Idee der Revue ist es, die mexikanische Geschichte anhand von jeweils zum Zeitpunkt der Ereignisse populären Tänzen darzustellen. Vor den Tanzszenen wurde jeweils von Schauspielern ein kurzes Gedicht aufgesagt, dass die Ereignisse ironisch wiedergegeben hat. Allerdings fand ich es sehr schwer, alles zu verstehen, da die Gedichte gereimt waren. Wer nicht versteht, warum das ein Problem sein soll, der möge sich doch einfach ein beliebiges deutsches Gedicht nehmen und analysieren, wie häufig Wörter umgestellt und verändert werden, damit es ins Reimschema passt. Trotzdem, die Tänze alleine waren den Besuch schon wert (der für mich als „Erstsemestler“ ohnehin gratis war) und haben auch gelohnt, dafür in Monterrey zu bleiben. Das absolute Lieblingslied des anwesenden Publikum war übrigens dieses Lied.

Raíces 2011

Außerdem ging es am folgenden Tag auch nach Saltillo – aber dazu morgen oder übermorgen mehr.

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