¡Viva Méjico, cabrones!


Saltillo, das Hannover Mexikos?
21/09/2011, 23:12
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , , , ,

Eine provokante Frage, denn wenn es eine Stadt gibt, mit der nun wirklich keine Stadt der Welt verglichen werden möchte, dann ist es bestimmt Hannover (allenfalls Braunschweig kann da noch mithalten; ich bin übrigens Oldenburger, falls das für die Auswahl der Städte relevant gewesen sein könnte *RÄUSPER*).

Darum will ich Saltillo auch schnell von diesem Vorwurf frei sprechen: Saltillo ist eher wie ein mexikanische Version von Stuttgart, nur dass die Leute nicht ganz so viel Geld auf der hohen Kante haben. Eher im Gegenteil, bestehen doch ganze Straßenzüge in der Innenstadt aus Pfandhäusern, die neben Sofortkredit-Vermittlern stehen. Dazwischen drücken sich kleine Läden, die wiederum über eine stolze Phalanx von Glücksspielautomaten verfügen. Der Verdacht drängt sich auf: Der eine oder andere Bewohner der Stadt scheint derzeit knapp bei Kasse zu sein. (Ein weiterer Grund, warum es keine Schwaben in Saltillo gibt, ist natürlich die Tatsache, dass die wirklichen Schwaben Mexikos hier in Monterrey wohnen. Zumindest haben die Regiomontanos den Ruf, geizig zu sein. Was mich allerdings zu der Frage führt, was „richtige“ Mexikaner aus dem Süden ihren Kindern zum Geburtstag schenken, wenn man sich die SUVs einiger meiner Kommilitonen ansieht…)

Aber zurück zu Saltillo: Glücklicherweise braucht es die Saltileños (ich hoffe mal, dass die Einwohner der Stadt keine Saltilense sind…) nicht zu stören, dass sie derzeit nur knapp über die Runden kommen, denn im Gegensatz zu Monterrey wird einem auch nicht andauernd unter die Nase gerieben, welch schönes Leben man doch mit etwas Kleingeld in der Tasche führen kann. Die Möglichkeiten zum Geldausgeben halten sich in überschaubaren Grenzen. Wie drückte Jaime es so schön aus (der aus einem Ort kommt, der erst Anfang der Neunziger an das Straßennetz angeschlossen wurde): „Hier ist es wie in meinem Dorf, nur mit mehr Einwohnern.“

Doch Lästern bringt einen auch nicht weiter und bei weitem nicht alles an der Stadt ist schlecht. Trotzdem stellt sich die Frage, wieso es uns ausgerechnet nach Saltillo verschlagen hat. Eigentlich ist die Frage relativ einfach zu beantworten: Ursprünglich wollten wir (mein Nachbar Jaime und ich) nach Cuatro Ciénegas im Nachbarstaat Coahuila fahren, aber die Reise ist relativ weit, weswegen man zwei Übernachtungen hätte einplanen müssen. Dies hätte Jaimes Budget gesprengt, weswegen wir in meinem Reiseführer (eine absolute Enttäuschung, aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr; nur soviel: Kauft keine deutschen Ausgaben des Lonely Planet!) guckten, was man sonst noch in Coahuila machen kann. Und so kamen wir auf Saltillo. In erster Linie wollten wir uns das Museo del Desierto angucken, das einen exzellenten Ruf hat. Anschließend wollten wir sehen, was man sonst noch in der Nähe machen könnte.

Wir und die BandGesagt, getan. Uns schloss sich noch spontan Luna, eine (ebenfalls evangelikale) Freundin, an. Eine andere Freundin, Mili, konnte leider nicht über ihren Schatten springen und so kamen wir zu dritt am Samstagmittag im Busterminal von Saltillo an. Wir konnten uns sogar in die Innenstadt durchschlagen und fanden dort das wirklich gute Restaurant El Principal, das allerdings auch ein bisschen teurer war als für uns gewohnt (Hauptgerichte für 10 Euro!). Natürlich gönnte ich mir die Spezialität der Region, Ziegenbraten. Nach einem Foto mit der Band, die im Restaurant Música Norteña spielte, ging es dann auf zum Sightseeing in Saltillo. Ins Museo del Desierto konnten wir nicht gehen, da eventuell Mili am nächsten Tag noch zu uns stoßen würde. Außerdem mussten wir warten, bis Pau, eine Freundin von Jaime zu uns stoßen würde. Pau wohnt derzeit in Torreón, einer Stadt am anderen Ende von Coahuila, und langweilte sich offenbar genug, um mal eben die drei Stunden im Bus nach Saltillo zu fahren.

Die Kathedrale von Saltillo

Die Kathedrale von Saltillo

Leider ist Sightseeing in Saltillo nicht gerade die einfachste Übung der Welt. Obwohl die Stadt die älteste spanische Siedlung im Norden Mexikos ist und auch über eine deutlich interessantere Geschichte als Monterrey verfügt (das vor 100 Jahren noch nicht viel mehr als ein Provinzkaff war), ist vom alten kolonialen Kern nicht mehr viel Sehenswertes übrig geblieben. Neben der Kathedrale, einigen weiteren Kirchen und ein paar gepflegten Häusern im Kolonialstil gab es nicht viel zu bestaunen. Also begaben wir uns zum Aussichtspunkt über der Stadt, wo wir dann in Ermangelung von Alternativen eine längere Rast machten. Dabei lernte ich zu meinem Erstaunen, dass Saltillo selbst sich als das „Athen Mexikos“ vermarktet. Was genau der Beweggrund für ausgerechnet diesen Vergleich war, würde mich durchaus einmal interessieren.

Rushhour in Saltillo

Rushhour in Saltillo

Schließlich kehrten wir dann langsam in die Innenstadt zurück, wo Jaime und ich in einer der Kirchen dann auch gleich dazu verdonnert wurden, beim Aufbau für eine Taufe zu helfen. Ihr seht, es fehlt nicht mehr viel, um aus mir doch noch einen treuen Diener Gottes zu machen. Anschließend warteten wir vor der Kathedrale auf Pau, Jaimes Freundin, und starrten mehr oder weniger Löcher in die Luft. Man könnte es Euphemismus nennen, wenn man den bisherigen Verlauf der Reise als „nicht so gelungen“ bezeichnen würde.

Luna, ich, Pau und Jaime

Luna, ich, Pau und Jaime

Aber zum Glück tauchte dann Pau auf und von nun an ging es aufwärts! Pau hatte Hunger, also gingen wir zur taquería Los Compadres, die uns bei der Teppichkirche aufgefallen war und einen guten Eindruck machte. Das Essen war auch in der Tat sehr gut und kann nur empfohlen werden, falls es jemanden einmal nach Saltillo verschlagen sollte. Außerdem ließ es sich Pau nicht nehmen für mich den Geburtstagsservice bestehend aus Ständchen der Kellner, Kuchen, Sombreros, Luftballon, Luftschlangen und einem Tequila mit Orangensaft, der im Kopf geschüttelt wurde (nicht gerade die angenehmste Erfahrung meines Lebens…). Dabei konnte ich gleich wieder etwas neues lernen – Mariachihüte sind steinhart und sollten anderen Menschen keinesfalls solange auf den Kopf gedrückt werden, bis es passt! Trotzdem hatten wir unseren Spaß mit den Hüten.

Hotel Colonial Alameda

Hotel Colonial Alameda

Anschließend wollten wir uns eigentlich zuerst ein Hotel suchen, aber auf dem Marktplatz tanzte eine Folkloregruppe aus Colima, die gerade in Saltillo war, und so wurden wir sofort wieder aufgehalten, um uns anzusehen, wie man denn in Colima tanzt. Laut Jaime jedenfalls nicht besonders gut (aber das könnte auch daran liegen, dass die Tänzer nicht aus seinem Heimatstaat Michoacán kamen…). Trotzdem wurde es langsam neun Uhr Abends und wir hatten immer noch keine Unterkunft. Im ersten Hotel wurden wir dann auch prompt abgewiesen, da keine Viererzimmer mehr frei waren. Das nächste Hotel war bereits von außen derart pittoresk, dass meine Verteidigung des Hotels mit dem Hinweis, dass Doña Rebeca ja schließlich mit ihrem guten Namen für die Qualität einstehen würde, schnell als das entlarvt wurde, was es war: Ein Witz. Glücklicherweise konnten wir dann am Ende noch das Hotel Colonial Alameda finden, dass nicht nur schick aussieht, sondern auch schick ist und zudem noch ein Zimmer frei hatte, da es in erster Linie ein Hotel für Geschäftsleute ist.

Jaime und Pau sorgen für Stimmung

Jaime und Pau sorgen für Stimmung

Glücklicherweise schloss Luna sich uns trotz christlichem Lebensstil, als wir dann das Nachtleben von Saltillo unter die Lupe nahmen, an. Und mag dich Stadt auch tagsüber nicht viel zu bieten haben, so kann sich das Nachtleben durchaus sehen lassen. Wir landeten am Ende in einer Bar, in der eine Coverband bekannte Gassenhauer (also zumindest für Latinos bekannte Gassenhauer – ich kannte ungefähr die Hälfte der Lieder) schmetterte, während in den Fernsehern an den Wänden Boxen lief. Während Luna auf Alkohol verzichtete und Jaime sich auch eher bescheiden zeigte, teilten Pau und ich uns einen Eimer (sprich 10 eisgekühlte kleine Flaschen) Tecate Light (naja, mexikanisches Bier, auch so ein Kapitel für sich…). Nach dem ersten Eimer war ich am überlegen, ob ich jetzt vielleicht noch ein Bier mehr als Absacker trinken wollte, als Pau sagte, sie würde noch eins bestellen, wenn ich auch noch was trinken würde. Damit war mir die Entscheidung ja quasi abgenommen worden. Blöd nur, dass Pau nicht etwa noch zwei Bier, sondern noch einen Eimer bestellte. Ich weiß bis heute nicht, wie ich tatsächlich bis zum bitteren Ende den Eindruck erwecken konnte, dass mir das viele Bier nichts anhaben könnte…

Der nächste Morgen war dementsprechend ein bisschen zäh, zumal Mili dann doch nicht vorbeikam und wir also ganz entspannt sein konnten. Gegen Mittag verließen wir dann doch noch unser Hotelzimmer und machten uns auf zum Parque Alameda, dessen Hauptattraktion ein Teich in Form von Mexiko ist. Ich weiß nur leider nicht in welchem Paralleluniverum, da niemand von uns in der Lage war, die Lage der einzelnen Landesteile zufriedenstellend zu identifizieren.

Museo del DesiertoNachdem wir uns beim Oxxo gestärkt hatten, ging es dann endlich zum Museo del Desierto. Wenn es noch nicht der Samstagabend war, dann hatte sich die Reise spätestens jetzt gelohnt. Das Museo del Desierto ist ohne Zweifel eines der besten Museen, in dem ich jemals war. In dem Museum geht es um die Wüste mit einem Schwerpunkt auf die Chihuahua-Wüste, die Coahuila größtenteils bedeckt. In drei großen Themenbereichen geht es um die Geschichte und Entstehung der Wüste (u.a. mit atemberaubenden Dinosaurierskeletten), den Menschen und die Wüste und schließlich um die Fauna der Wüste inklusive eines kleinen Zoos mit einheimischen Tieren. Die Erklärungen sind großartig einfach und trotzdem vollständig ohne Vereinfachungen geschrieben und viele interaktive Stationen bieten nicht nur Spaß, sondern wirklich einen Mehrwert. Knapp vier Stunden hielten wir uns im Museum auf und es kam zu keinem Zeitpunkt Langeweile auf. Außerdem habe ich mein neues spanisches Lieblingswort gelernt: Lagerstätten.

Das geborene ModellAls es schließlich doch wieder in Richtung Heimat ging, mussten wir am Busbahnhof feststellen, dass Pau erst wieder für einen Bus gegen neun Uhr Abends ein Ticket zurück nach Torreón kaufen konnten. Also beschlossen wir drei anderen ebenfalls erst um neun Uhr mit dem „Direktbus“ (statt neun Haltestellen nur sechs, wie wir später feststellen mussten) zurück zu fahren. Die knapp drei Stunden Wartezeit überbrückten wir dann im wirklich mit Abstand saubersten, freundlichsten und annehmbarsten Platz vor Ort: McDonalds. Es gab leider keine wirkliche Alternative. Gegen Mitternacht waren wir dann schließlich wieder zu Hause, zufrieden und mit dem guten Gefühl, dass es am Ende doch ein sehr lustiges Wochenende geworden ist.

Was bleibt als Fazit zurück: Saltillo ist nicht unbedingt der Ort, den man in Mexiko gesehen haben muss, aber für einen Tag reicht es schon. Außerdem hat mich die Stadt einmal mehr darin bestärkt, dass ich zwar tendenziell sehr gerne in Lateinamerika (zumindest für ein paar Jahre) leben möchte, aber wenn, dann bitte nur in großen Millionenstädten, die auch Handelszentren sind. Zum Einen bin ich eben ein Stadtmensch, zum Anderen ist es eben doch ein Unterschied, ob man seinen europäischen Lebensstil in einer schönen Kulisse lebt, oder ob man sich wirklich auf die Kulisse mit ihren tatsächlichen Realitäten einlässt. Und da bin ich dann doch zu sehr Deutscher von meinen innersten Erwartungen, Marotten und Grundüberzeugungen, als dass ich mir hier vormachen müsste, ich könnte wirklich über längere Zeit in einer „richtigen“ südamerikanischen Stadt leben, ohne unzufrieden zu werden.

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