¡Viva Méjico, cabrones!


Drei Geburtstage und ein Todesfall
05/10/2011, 03:13
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , ,

Ganz am Anfang eine Entschuldigung an die Adresse der Bundesregierung: Anders als von mir stets kolportiert, gibt es sehr wohl einen deutschen Honorarkonsul in Monterrey. Die Falschinformation stammt einmal mehr aus meinem treuen Begleiter, dem schlechtesten Reiseführer der Welt: Dem deutschsprachigen Lonely Planet für Mexiko!

Auch der Titel dieses Posts führt ein wenig in die Irre, denn um die drei Geburtstage soll es ebenfalls nur am Rande gehen. Aber es war eine gute Gelegenheit, einmal mehr ein popkulturelles Zitat für die Überschrift zu missbrauchen.

Prinzipiell lässt sich das mit den drei Geburtstagen schnell erklären: Am Freitag war ich auf einer Geburtstagsparty, am Sonntag auf zwei Geburtstagsfeiern (Party wäre hier doch etwas übertrieben). Während ich bei ersterer Feierlichkeit nicht einmal den Namen des Gastgebers kenne, da ich von meinem Deutsch-Tandem-Partner Marco angeschleppt wurde und es eine dieser typischen mexikanischen „Kommt vorbei, habt Spaß und werdet beste Freunde für eine Nacht!“-Partys war, waren die beiden anderen Festivitäten zu Ehren der selben Person, Vero (ein Who is Who meiner Freunde hier vor Ort folgt auch irgendwann; nur so viel – sie ist aus der christlichen Ecke).

Grund für die beiden Feierlichkeiten war die Tatsache, dass wir zuerst eine Art Kindergeburtstag in der Casa Hogar gefeiert haben, in der wir ehrenamtlich helfen (auch hier folgt irgendwann ein Bericht). Casa Hogar bezeichnet eigentlich ein Waisenheim, aber das wäre in diesem Fall falsch, da die Kinder durchaus Eltern haben, diese sich aber nicht um sie kümmern können. Es ist alles ein bisschen kompliziert, aber wie gesagt, ein eigener Bericht folgt, in dem ich das alles näher erläutert werden kann.

Auf jeden Fall waren wir um die Mittagszeit herum in der Casa Hogar und haben für die Kinder und Vero einen richtigen mexikanischen Kindergeburtstag mit Piñata und Pastelazo gefeiert (drei Mal dürft ihr raten, wer beim Pastelazo als erster dran war…). Anschließend ging es dann weiter zu Vero, wo es Hamburger vom Grill gab – die gegrillten Hamburger sind meiner Meinung nach eine der Spezialitäten hier in Monterrey (ja, auch zum Essen folgt noch ein Eintrag). Dazu sollte man vielleicht außerdem wissen, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass man von Mexikanern nach Hause eingeladen wird. Mit „nach Hause“ meine ich dabei nicht die Studentenbutze, sondern bei den Eltern zuhause (wo im Prinzip jeder unverheiratete Mexikaner wohnt). Auch Freunde, die Vero schon weitaus länger kennen als ich, waren zum ersten Mal bei ihr.

Was aber hat es nun mit diesem ominösen Todesfall auf sich? Nun, am Sonntag morgen war ein guter Freund der meisten meiner christlichen Freunde ziemlich plötzlich und unerwartet gestorben. Schon den ganzen Tag war das natürlich ein Thema und als am Abend einige zur Andacht im Leichenschauhaus weiterfuhren, schloss ich mich spontan an, denn wann hat man sonst die Gelegenheit, eine mexikanische Trauerfeier zu erleben? Außerdem interessiere ich mich seit meinem Zivildienst für den Umgang mit Toten.

Ich möchte aber noch einmal explizit darauf hinweisen, dass es eine evangelikale Trauerfeier und außerdem nur sehr wenig Familie – und das auch erst zur richtigen Andacht – anwesend war. Trotzdem möchte ich gerne meine Eindrücke einer mexikanischen Trauerfeier teilen.

Da die Eltern von Luís Ángel, dem Verstorbenen, ziemlich weit weg wohnen, war die Andacht erst sehr spät am Abend, gegen 11 Uhr. Im Vorfeld versammelten sich aber viele Bekannte und der offene Sarg war in einem Andachtsraum aufgebahrt, in dem man sich vom Toten verabschieden konnte.

Neben der öffentlichen Aufbahrung der Leiche, die in Deutschland ja inzwischen nahezu ausgestorben ist, fielen mir vor allem drei Aspekte auf: Zum Ersten die im Vergleich zu Deutschland lockere und entspannte Stimmung. Anders als bei uns waren die Trauergäste nicht besonders ernst. Zwar war es ruhig (für mexikanische Verhältnisse geradezu mucksmäuschenstill), aber es wurde durchaus auch gelacht und miteinander gesprochen. Dies schien so weit auch von den weitaus mehr mitgenommeneren Trauergästen nicht als Affront aufgefasst worden zu sein.

Ein weiterer Punkt war die große Anzahl an Leuten, die nicht in schwarz erschienen sind (mich und meine Freunde eingeschlossen). Als ich einen Bekannten darauf ansprach, konnte man seinen Äußerungen klar entnehmen, dass er das Tragen schwarzer Kleidung für einen sehr altmodischen und rückständigen Brauch hält. Er bestätigte mir aber, dass schwarz auch in Mexiko die traditionelle Farbe für Trauer ist.

Zu guter Letzt überraschte mich, dass keine Gebete für den Toten gesprochen wurden – gerade vor dem Hintergrund der Betfreudigkeit dieser christlichen Gemeinde. Ich wurde mehrmals explizit korrigiert, dass keine Gebete für den Toten, sondern für die Familie des Toten gesprochen würden: „Tote sind tot und benötigen keine Gebete mehr.“ Anscheinend ist es nicht notwendig für die Seele eines Verstorbenen zu beten, damit sie ins Himmelreich gelangen. Auch wenn dies bei Luís Ángel ohnehin niemand bezweifelt hätte, da er anscheinend so etwas wie die gute Seele der Gemeinde war, hätte ich doch noch ein paar letzte gute Wünsche für seine Seele erwartet. Auch in anderen Punkten überraschte mich der an den Tag gelegte Pragmatismus: So hofften zwei meiner Freunde, dass die Eltern des Toten die Organe zur Organspende freigegeben hätten und die Feuerbestattung wurde mir gegenüber damit begründet, dass eine Urne eben viel einfacher zu transportieren ist. Was für Vorbehalte ich auch sonst gegen diese Kirche habe – ihr pragmatischer Umgang mit Leichen verdient meinen Respekt!

Die Andacht selbst war dagegen ähnlich wie in Deutschland: Einige erinnernde Worte an den Verstorbenen; die Beschwörung, dass Gottes Wege eben unergründlich sind; einige Kirchenlieder; ein gemeinsames Gebet; im Anschluss Beileidsbekundungen an den Vater.

Noch eine weitere Beobachtung möchte ich los werden: Aufgrund der Glaubensvorstellungen dieser Gemeinde ist das Leben eine Art Lauf zu Gott und wer stirbt, hat die Ziellinie überquert. Mit anderen Worten: Wen Gott schon so jung zu sich holt wie er es bei Luís Ángel getan hat, der hat mehr oder weniger alle anderen überholt. Nicht wenige seiner Freunde scheinen seinen Tod somit als eine Art Belohnung für sein gottesfürchtiges Leben anzusehen. Ein paar Kommentare auf seiner Facebook-Seite klangen sogar so enthusiastisch, dass ich nur froh bin, dass die gleichen Leute Selbstmord als eine Sünde ansehen.

Zum Abschluss bleibt mir nur zu sagen, dass es genau diese Dinge sind, die es für mich aufwiegen, dass ich nicht so viel Kontakt mit anderen Austauschstudenten habe. Würde ich mehr ausgehen? Absolut! Könnte ich euch sagen, welche Discos gerade angesagt sind? Definitiv! Hätte ich unter der Woche mehr Spaß? Höchstwahrscheinlich! Aber würde ich wissen, wie man einen mexikanischen Kindergeburtstag feiert? Oder wissen, wie schlecht die Arbeitsbedingungen für Berufsanfänger in Mexiko sind? Oder auf mexikanische Trauerandachten gehen? Bestimmt nicht. Aber am Ende finde ich das weitaus interessanter, als jeden Abend auszugehen.

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