¡Viva Méjico, cabrones!


Leben wie Gott in Mexiko
06/11/2011, 02:13
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , ,

Das Warten hat endlich ein Ende – der bereits vor längerem angekündigte Artikel zum Essen feiert heute Weltpremiere. Somit müsst ihr euch nicht weiterhin jeden Tag mit der Frage herumschlagen, ob ich denn womöglich in Mexiko verhungern muss, wie ihr es bisher sicherlich tut.

Vorher möchte ich aber noch stolz verkünden, dass ich einen weiteren Punkt von meiner To-Do-Liste für Dinge, dich ich vor meinem Tod noch machen möchte, streichen konnte: „Besuch in einer piekfeinen und überteuerten Schnöseldisco für Leute, die sich für etwas besseres halten.“ Der Eintritt betrug auch nur schlappe 200 Pesos – damit ihr das ungefähr einschätzen könnt: Dafür könnte ich mir auch drei ausgewogene Mittagessen in einem Mittelklasse-Restaurant kaufen.

Womit wir ja wieder beim Thema wären: Dem leiblichen Wohl. Mexiko stellt in dieser Hinsicht auf jeden Fall eines der besseren Ziele dar. Ich muss sogar zugeben, dass es mir in Hinsicht auf Vielfalt und Geschmack sogar deutlich besser gefällt als in Ecuador, obwohl es dort auch einige Gaumenfreuden der Spitzenklasse gab. Und das sogar vor dem Hintergrund, dass ich hier eigentlich in einer kulinarisch eher minderbemittelten Ecke Mexikos lebe.

Tostados, salsa roja, eingelegtes Gemüse und Zitronen

Tostados, salsa roja, eingelegtes Gemüse und Zitronen - genau das richtige, um auf das Hauptgericht zu warten

Vielleicht zuerst ein paar Worte zur Schärfe. Als jemand, der normalerweise eher „mild“ isst, war eine meiner größten Ängste, mir in den ersten Tagen sämtliche Geschmacksnerven und Mundschleimhäute für immer zu verbrennen. Glücklicherweise aber kochen Mexikaner im Normalfall nicht besonders scharf, sondern würzen nach. Natürlich gibt es auch Gerichte, die von Haus aus scharf sind, aber normalerweise sorgt man selbst für die gewünschte Schärfe mit Hilfe der bereitstehenden, aus mit chile zubereiteten Würzsoßen. Zumeist handelt es sich dabei um salsa verde (aus grünen jalapeños Tomaten zubereitet) oder salsa roja (aus roten Chilisorten Tomaten hergestellt). Es gibt aber auch gelbe oder eher schwarze Soßen. Während die grüne Soße mit ein wenig Gewöhnung nicht mehr besonders brennt, muss man bei der roten Soße aufpassen; schließlich sind habanero-Chilis deutlich schärfer als Jalapeños. Auch die Textur verrät viel über die zu erwartende Schärfe – flüssige Soßen sind mild, körnige Soßen aufgrund der Kerne deutlich schärfer. Die Anpassung verläuft schnell – inzwischen greife ich deutlich häufiger zur salsa verde als anfangs, da mir das essen sonst zu ungewürzt erscheint.

Taco de mariscos

Taco de marisco - Taco mit Meeresfrüchten

Aber worauf soll man die salsas denn überhaupt geben? Auf deftiges Essen, dessen Hauptbestandteile Fett, Fleisch und Kohlenhydrate in Form von Maisfladen, den bekannten tortillas, darstellen. Das fängt schon zum Frühstück an, das oft bereits aus chilaquiles (den übrig gebliebenen tortillas vom Vortag in Tomatensoße mit chile, Käse und saurer Sahne) und den ersten tacos, also gefüllten tortillas, besteht. Vielleicht verzichtet man einmal auf die üblichen Zutaten wie arrachera (kleingeschnittenes und gebratenes Fleisch), chorizo (salamiartige Wurst), picadillo (Hackfleisch), deshebrada (gekochtes und zerfasertes Fleisch) oder chicharrón (gebackene Schweinehaut), sondern begnügt sich mit huevos revueltos (Rührei).

Wie man schon jetzt erkennen kann, ist Vegetarismus nicht die vorherrschende Ernährungsform in Mexiko. Aber auch Vegetarier können am öffentlichen Leben teilnehmen: So gibt es in den größeren taquerías auch fríjoles (Bohnen, meist gestampft), champiñones (Pilze) oder nopales (eine nach Paprika schmeckende Kaktusart). Auch quesadillas bieten sich an, mit Käse belegte und zusammengeklappte tortillas – zumindest im Norden Mexikos, wo man noch nicht auf die Idee gekommen ist, auch andere Sachen in die quesadillas zu geben, wie es jeder normale Mexikaner machen würde. Trotzdem, wer sich rein vegetarisch ernähren und sich nicht nur an den drei, vier zufälligerweise vegetarischen Gerichten der mexikanischen Restaurants gütlich tun möchte, kommt an den Besuch von Salatbars nicht vorbei.

Enchiladas poblanas und cabrito

Enchiladas poblanas (links) und cabrito (vorne)

Neben den weitverbreiteten tacos gibt es natürlich auch andere Gerichte. Daher habe ich mittags eine große Auswahl an Möglichkeiten, wie zum Beispiel burritos (eine Art mexikanisches Dürüm – schmeckt am besten mit arrachera), moles (Hühnchen in einer Soße auf Schokoladenbasis) oder gorditas (mit den gleichen Zutaten wie die tacos gefüllte Teigtaschen). Daneben existieren wegen der Nähe zur Tec natürlich auch diverse Fast-Food-Ketten wie Subway, Carl’s Jr. (deutlich bessere Hamburger als McDonald’s oder Burger King), El Costeñito (mexikanische Kette mit Fokus auf Meeresfrüchte) oder Ensaladetti (Restaurant für gesundheitsbewusste Studentinnen mit leckeren Sandwiches). Auch ausländische Küche wird geboten; so gibt es Sushi, deutsche Bratwürste, argentinische empanadas (eine Art Fleischpastete) und chinesisches Allerlei in einem Radius von wenigen Gehminuten um den Campus herum.

Enchiladas

Enchiladas mit sehr viel Käse

Trotz der Vielfalt entscheide ich mich oft für den einfachen Weg und gehe in eines der Restaurants, wo man sich sein Mittagessen aus einem guiso (Hauptgericht) und einer bis drei Beilagen zusammenstellt. Manchmal ist auch noch eine Suppe drin und/oder ein Nachtisch. Da gibt es dann die ganz durchschnittlichen Gerichte wie milanesas de pollo (eine Art Hühnerschnitzel), enchiladas (mit einer Tomatensoße übergossene und mit Hühnerfleisch und Käse gefüllte tacos) oder pescado a salsa de cilantro (Fisch in KreuzkümmelKoriandersoße – cilantro wäre glatt einen eigenen Beitrag wert). Als Beilagen wähle ich immer fríjoles (die schon erwähnten Bohnen, normalerweise in gestampfter Form), denn ich kann mir gar nicht erklären, wie ich 25 Jahre lang ohne ausgekommen bin – und in Deutschland wieder ohne auskommen soll! Dazu nehme ich dann je nach dem noch Kartoffelbrei, Gemüse oder Nudeln. Allerdings werden Nudelsoßen in Mexiko erstaunlich fade gewürzt, so dass nahezu immer nachwürzen angesagt ist.

Typisches Abendessen

Ein typisches Abendessen - gebratenes Rindfleisch, Bohnen, Nudeln, Tomatensoße und dazu Agua de Guayaba

Auch zuhause esse ich ähnliches, da ich Essen in einem Jugendinternat des örtlichen Fußballklubs CF Monterrey, genannt los rayados (die Gestreiften), kaufe. Das ist ebenfalls einfaches Essen, bestehend aus einem guiso aus Rinder- oder Schweinefleisch, Geflügel oder Fisch und zwei Beilagen, wobei diese sich fast ausschließlich auf Salat, Bohnen (gestampft oder im Ganzen), Nudeln, Kartoffelbrei und Pommes in wechselnder Kombination beschränken. Deshalb überkommt es mich auch hin und wieder und ich kaufe mir einen Salat. Schließlich will ich nicht an der Autoimmunschwäche sterben, die in Mexiko enfermedad de los solteros genant wird, da sie häufig alleine lebende Männer befällt und die durch Vitaminmangel ausgelöst wird. Denn ich denke nicht, dass scharfe Soßen, Zitronensaft und Zwiebeln alleine meinen Vitaminbedarf decken können…

Abendessen

Ein anderes Abendessen, diesmal verfeinert mit Käse und Cilantro, nebst Tortillas

Wenn ich mir selber etwas zubereite, läuft es oft auf eine Gemüsepfanne hinaus, die ich zusammen mit einigen tortillas esse. Auch guacamole hat es mir angetan und ist ruckzuck hergestellt. Außerdem kann man guacamole zu allem essen, egal ob zu Nudeln oder tostados, den mexikanischen Tortilla-Chips ohne künstlichen Geschmack.

Für zwischendurch kann man sich übrigens mit nieves (ähnelt dem italienischen Eis) oder raspados (ähnelt Squishees) zudecken, die aus den lokalen Früchten hergestellt werden. Für mich mit Abstand die besten Süßigkeiten hier in Mexiko, denn fast alles, was nicht importiert ist, enttäuscht mich nur zu oft, da es für meinen Geschmack viel zu süß und/oder viel zu sauer und/oder viel zu scharf ist. Einer der Gründe dafür dürfte die Verwendung von chamoy sein, einer milden Chiliart, die für nahezu alles herhalten muss, vom Lutscher bis zum Eis. Leider ist chamoy so gar nicht mit meinen Geschmacksnerven zu versöhnen. Aber natürlich möchte ich auch die rühmlichen Ausnahmen nicht unerwähnt lassen: Fast alle Süßigkeiten auf Basis von Früchten sind sehr lecker – nur leider sind sie in Monterrey nicht so einfach zu bekommen.

Leckeres aus Oaxaca

Leckeres aus Oaxaca

Einen wichtigen regionalen Snack habe ich allerdings noch vergessen: Die gegrillten hamburguesas. In meinen Augen stellen sie die absolute Spezialität hier in Monterrey dar, mehr noch als das normalerweise zu diesem Zwecke angeführte cabrito (Zicklein). Ich kann sie zwar nicht andauernd essen, aber de vez en cuando gönne ich mir den Luxus, in der unten in meinem Haus untergebrachten Burgerbraterei zu bestellen. Ich habe wirklich noch nie so gute Hamburger in meinem Leben gegessen.

Zum Abschluss noch einen kurzen Überblick über die Getränke, die es zum Essen gibt. Standardmäßig gibt es agua fresca, Wasser mit Fruchtgeschmack. Eigentlich immer gibt es agua de jamaica (Hibiskusblütengeschmack, etwas bitter) und agua de limón (also eine Art Limonade im ursprünglichen Sinne des Wortes), auch agua de tamrindo (aus meiner Lieblingstropenfrucht, der Tamarinde) oder horchata (schmeckt wie Milchreis) sind sehr verbreitet. Andere Geschmacksrichtungen gibt es natürlich auch, sind aber seltener. Die übliche Phalanx an Getränken der Coca-Cola Company ist natürlich auch anzutreffen, auch Säfte wie zum Beispiel jugo de mango (Mangosaft) gibt es oft. Interessant erscheint mir, dass Mexikaner scheinbar selten Alkohol zum Essen zu sich nehmen. In vielen Restaurants stehen Bier oder Wein nicht einmal auf der Speisekarte.

Das kommt einem aber vielleicht sogar entgegen, da mexikanisches Bier oft nicht mit der aus Deutschland bekannten Qualität mithalten kann und teilweise ein eher bescheiden schmeckendes bitteres Süppchen darstellt. Zwar gibt es auch Bier, dass sich keineswegs verstecken muss, sondern sogar sehr lecker ist, wie etwa Bohemia, aber dazwischen wuseln leider viel zu viele Tecate Lights und Modelos. Interessant ist dabei allenfalls, dass die selbe Brauerei gleichzeitig die letzte Plörre und Gourmetware herstellt, da der mexikanische Biermarkt faktisch zwischen zwei Großbrauereien aufgeteilt ist, aber trotzdem über eine erstaunliche Vielfalt verfügt.

Ebenfalls für den gemeinen Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig ist ohne Frage der Genuss von clamato und micheladas, Biermixgetränken auf Tomatenbasis, die mit chile und (im Fall von clamato) Krabbenwasser verfeinert werden. Trinkt sich besser als es klingt, auch wenn es wahrscheinlich nie meine Lieblingsgetränke werden.

Als Schlusswort möchte ich auf jeden Fall dazu ermuntern, einmal ein „richtiges“ mexikanisches Restaurant zu besuchen, das mehr als TexMex anbietet – euer Gaumen wird es euch danken, denn die mexikanische Küche besticht wirklich durch ihre leckere Vielfalt!

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6 Kommentare so far
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Super Beitrag!
Vielen Dank!

Kommentar von Vallartina

Interessanter Beitrag.

Trotzdem ein paar Kommentare von einem Klugscheisser:
– die salsa verde heisst so, weil sie aus tomates (die grünen) hergestellt wird; die salsa roja hat als Haupt-Bestandteil jitomates („unsere“ Tomaten). Hätten diese salsas als Haupt-Ingrediente chile wären sie ungeniessbar, weil sauscharf (habaneros werden in „normalen“ salsas üblicherweise nicht verwendet).
chorizo wird in Mexico im allgemeinen eher aus irgendwelchen Fleischresten vom Schlachten, gemischt mit jeder Menge Fett, hergestellt; deshalb braucht man auch kein Fett in der Pfanne beim Braten (aber das ganze Haus stinkt nach dem Zeug). Die spanische chorizo ist eher wie eine Salami (mit festerer Konsistenz).
– es sind huevos revueltos.
jamaica ist Hibiskus; horchata wird heutzutage aus Reis hergestellt (war früher mal anders).
– im Norden Mexicos ist der Biergeschmack in etwa wie im Süden Deutschlands: da mag man eher wässrige Biere (Tecate und Superior). Tip: nun um die Weihnachtszeit mal Noche Buena probieren oder auch mal das yucatekische Montejo (hell) oder León (dunkel).

Genug Geklugscheissert. 😉

Kommentar von Roland

@Roland:

Vielen Dank für die Hinweise, die ich größtenteils eingearbeitet habe. Aber auch von mir einige Anmerkungen:

– Was sind für dich „normale“ salsas? Meine yucatekischen Freunde kaufen immer brav Habanero-Saucen, weil ihnen alles andere zu mild ist. Und alles, was man auch im Supermarkt an Würzsoßen bekommen kann, würde ich jetzt einmal als „normal“ bezeichnen wollen, da ja offenbar eine größere Nachfrage besteht…

– Das mit der chorizo war in der Tat eine Analogie zur spanischen Wurst gleichen Namens, da ich chorizo nicht mag, daher hier noch nie probiert habe und schlicht davon ausgegangen bin, dass es sich um das selbe handelt. Allerdings macht deine Beschreibung auch nicht gerade Appetit, meine Kenntnisse auf den neuesten Stand zu bringen…

– Ich habe nie etwas anderes behauptet, als dass jamaica Hibiskus ist; allerdings las sich der Satz missverständlich, darum habe ich es jetzt expliziter formuliert.

– Woraus horchata nun genau hergestellt wird, ist doch für eine Beschreibung à la „Schmeckt wie…“ doch ziemlich unerheblich, oder? (^^,)

Noche buena wurde mir bereits des Öfteren empfohlen und wird daher von mir definitiv probiert. León kommt aber für meinen Geschmack nicht an Bohemia heran. Nach Montejo werde ich einmal beim nächsten Besuch im Soriana Ausschau halten. Und das Tecate Plörre ist, scheint allgemein anerkannt zu sein, auch hier im Norden Mexikos. Aber am Ende siegt beim regio scheinbar doch der Wunsch, Geld zu sparen – manche Vorurteile sind eben nicht gänzlich aus der Luft gegriffen…

Kommentar von MuGo

„Was sind für dich „normale“ salsas?“

Yucatecos sind ein spezielles Völkchen (über die in anderen Regionen schon mal gerne gelästert wird wegen Statur, Körperbau und ihrer etwas langsameren Sprechweise), die solch scharfe Dinge wie den Habanero-Chile essen. Ich denke, vieles davon hat mit Gewöhnung zu tun: genauso wie einem Eskimo bei 2 Grad schon warm ist, schmeckt einem Yucateco alles fad, wenn kein Habanero drauf ist.
„Normal“ ist also eine Definitionsfrage, vor allem für uns „weichgekochte“ Mittel-Europäer, wo auf einem eigentlich labberigen Gewürzketchup schon „scharf“ steht, die Leute sich nur wenig auf die Bratwurst tun und danach erstmal einen tiefen Schluck aus dem Bierkrug nehmen.
„Normal“ sind hier also tatsächlich die Salsas, die Du im Supermarkt findest: die „Taquera“, die „Roja“, die „Verde“, der „Pico de Gallo“, etcetera-p-p (mein Favorit ist übrigens Chile chipotle).

Kommentar von Roland

Oh, bloß nicht – Chipotle und ich werden keine Freunde mehr, glaube ich…

Trotzdem bin ich gespannt, ob ich die scharfen Soßen in Deutschland vermissen werde oder ob ich am Ende wieder zu meinem „faden“ Essensgewohnheiten zurückkehre…

Kommentar von MuGo




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