¡Viva Méjico, cabrones!


Radlos in Mexiko
15/11/2011, 00:22
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , ,

Ach ja, der Winter kommt…

In der letzten Woche durfte ich zum ersten Mal die Nachteile einer offenen Küchentür erleben, denn es wurde zum ersten Mal wirklich kalt in Monterrey. Sogar so kalt, dass ich eines Morgens zum ersten Mal gefroren habe. Allerdings scheint sich der Körper extrem schnell umzustellen – es waren bestimmt immer noch 15 Grad. Trotzdem, jetzt zeigt sich das wahre Ausmaß der schlechten Installation der Dusche: Da die Wasserrohre AUSSEN angebracht sind, dauert es bei kaltem Wetter logischerweise noch länger, bis warmes Wasser kommt. Aber gut, bei der Miete die ich zahle, sollte ich froh sein, dass überhaupt irgendwann einmal warmes Wasser kommt.

Jetzt ist es glücklicherweise wieder angenehm warm und ich hoffe auch, dass es so bis Anfang Dezember bleibt, wenn Mario vorbei kommt und wir beide uns in südlichere Gefilde Mexikos aufmachen. Denn auch wenn ein Semesteranfang im August so seine Nachteile mit sich bringt – der unbestrittene Vorteil ist, dass man bereits Ende November glücklich und zufrieden die Uni verlassen kann. In anderthalb Wochen ist Schicht im Schacht, danach habe ich nur noch zwei Abschlussklausuren und verabschiede mich bereits in die Ferien. Ein Fach ist sogar bereits komplett abgeschlossen, dort kann ich nur noch maximal ein wenig Ergebniskosmetik betreiben. Der Wahnsinn, der sich hier Studium nennt, hat langsam, aber sicher, ein Ende!

So konnte ich mir auch die Zeit nehmen, die Plakate auf dem Campus genauer in Augenschein zu nehmen und festzustellen, dass in Monterrey der vierte nationale Radverkehrskongress stattfinden würde. Wer meine Aktivitäten im letzten Semester verfolgt hat, wird kaum überrascht sein, wenn ich mich natürlich sofort angemeldet habe und an zwei von drei Tagen im Publikum saß. Vordergründig hat mich vor Allem interessiert, wie denn der Stand der Dinge in Mexiko ist und welche Themen besprochen werden, hintergründig war natürlich auch die Hoffnung auf den einen oder anderen Kontakt da. Hier ein paar Beobachtungen:

  • Das Teilnehmerfeld war ungefähr so, wie man es sich im schlimmsten Klischee vorstellt. Mit Vivavelo oder den gestählten Lobbyisten vom ADFC und VSF hatte das nicht viel zu tun. Die Konferenzteilnehmer waren in erster Linie gemütliche, rastabelockte Schluffis, die sich den Weg zum nächsten veganen Restaurant zeigen ließen (meine anderen mexikanischen Freunde kannten nicht einmal das Wort „vegan“!) und die Mittagspause auch einmal gerne 90 Minuten später beendeten als geplant – was selbst für mexikanische Verhältnisse schon ziemlich arg ist.
    Entsprechend fand ein Redner, der darüber referierte, mit welchen Mitteln man in der Politik Gehör findet, auch wenig Anklang. Sein simpler Vorschlag, in Deutschland längst angekommen, lautete: Auch wenn es absoluter Quatsch ist, müssen wir uns an die Regeln halten, die die derzeitige Politik vorgibt, damit man uns ernst nimmt. Außerdem hielt er Professionalisierung und eine Politik der kleinen Schritte für geeignet, um langsam einen Gesinnungswandel herbeizuführen. Harter Stoff für ein Publikum, dass lieber heute als morgen das Auto komplett aus der Stadt verbannen möchte – in einem Land mit achtstreifigen, zweistöckigen Stadtautobahnen!
    Trotzdem, erste Erfolge sind zu sehen, zum Beispiel mit einem professionell aufgemachten kleinen Heftchen für Radfahrer in Mexico City, in dem erklärt wird, wie man sich sicher im Straßenverkehr bewegen kann. Mit welchen für Deutsche eher ungewöhnlichen Problemen man sich dabei in Mexiko herumschlagen muss zeigen dabei Verhaltentipps zu Hundeattacken oder der sicheren Querung von Ausfahrten der oben erwähnten achtstreifigen Stadtautobahn.
  • Außerdem weiß ich jetzt auch, warum Bus Rapid Transit (BRT), also Massentransport mit dem Bus statt mit einem schienengebundenen Verkehrsmittel – acht Semester Verkehrsingenieurwesen haben sich gelohnt -, in Mexiko nur eine untergeordnete Rolle spielt. Denn ich durfte einen Vortrag der Cheflobbyistin in Mexiko genießen, der so grottenschlecht war, dass ich es nicht für möglich gehalten hätte. Erstens war der Vortrag uninspiriert, zweitens kann die gute Frau anscheinend keine Reden halten (Sätze mittendrin abzubrechen um mit einem komplett anderen Satz anzufangen ist das erste, was einem beim Debattieren ausgetrieben wird!) und drittens hat sie es nicht geschafft, klar zu machen, warum BRT dazu geeignet ist, dem Radverkehr in Mexiko zu helfen. Obwohl ich mich durchaus als BRT-Verfechter sehe, hat mich der schlechte Vortrag derart geärgert, dass ich der guten Frau am liebsten permanent widersprochen hätte – nicht, weil ich ihre Ideen schlecht finde, sondern aus Prinzip. Wenn alle ihre Vorträge so sind, dann muss sich Siemens keine Sorgen machen, dass sich irgendeine Stadt in Mexiko nicht für eine U-Bahn entscheidet, wenn sie nur irgendwo die Möglichkeit der Finanzierung sieht.
  • Interessant war auch der Erfahrungsbericht von FemiBici, einer Organisation, die Fahrradtouren von Frauen für Frauen organisiert. Der Ansatz ist klar: Frauen dazu zu bewegen, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen und dabei vor allem die Hemmschwelle senken, denn die von Männern dominierten gemeinsamen Fahrradtouren durch die Stadt (entspricht der Critical-Mass-Idee) werden als zu schnell und zu aggressiv empfunden. Interessant fand ich dabei auch, dass die Touren prinzipiell auch Männern offen stehen, aber großen Wert darauf gelegt wurde, dass die Männer dann bitte, bitte ihren Beschützerinstinkt ablegen sollen – der machismo scheint auch noch im 21. Jahrhundert unter gemütlichen, rastabelockten Schluffis nicht komplett ausgelöscht zu sein (und glaube keiner, dies wäre ein rein mexikanisches oder lateinamerikanisches Problem – in Deutschland versteckt es sich nur besser).
  • Wollen wir, dass in Mexiko mehr Menschen Rad fahren? Na klar – aber bitte erst in einigen Jahren, wie ich seit diesem Wochenende hinzufügen würde. Denn wenn ich etwas mitgenommen habe vom Kongress, dann die Tatsache, dass die Luft in mexikanischen Städten dermaßen schlecht ist, dass Radfahren hier eher proaktivem Selbstmord gleicht. In einer hochinteressanten Expertenrunde wurde über das Problem der Luftverschmutzung geredet und dabei kam nicht nur heraus, dass in Monterrey noch nie die mexikanischen Grenzwerte für Feinstaub eingehalten worden sind, sondern dass 14% der mexikanischen Fahrzeugflotte vor 1980 gebaut wurde. Nicht, dass es eine signifikante Besserung gäbe, würden diese Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen, denn dafür ist das Benzin immer noch zu schadstoffbelastet und die Filtrierung der Abgase auch bei Neuwagen unzureichend, aber es ist offensichtlich, dass die überalterte Fahrzeugflotte vor allem eins produziert: Smog. Immerhin wurde mir damit auch meine naive Überlegung, bei den weißen Schlieren, die die umliegende Berge teilweise nur schemenhaft erkennen lassen (ja, diese Berge die von meiner Dachterrasse scheinbar zum Greifen nah sind), würde es sich um irgendein mir unbekanntes Wetterphänomen der Wüste handeln, genommen. Umso mehr ärgert es mich, dass ich mir den Smog nicht eingestehen wollte, weil ich schon in Ecuador in einer Stadt mit Smogglocke gelebt habe. Allerdings war es dort ein tiefes Tal, in dem ich gelebt habe, während Monterrey auf zweieinhalb Seiten offen ist – eigentlich ist es unglaublich, dass sich hier überhaupt Smog bilden kann! Aber dafür weiß ich jetzt, was Grund für meine häufige Müdigkeit ist. Und erklärt, warum ich niemanden in Monterrey empfehlen würde, Fahrrad zu fahren: Smog ist akut gesundheitsschädlich. Wer es nicht glauben will, möge einmal als gesunder junger Mensch für längere Zeit aus dem sauberen Deutschland nach Lateinamerika gehen – und wird am eigenen Leib erfahren, wie einen der Smog auslaugt. Unter solchen Umständen Rad zu fahren kann man einfach nicht gut Gewissens bewerben. Darum plädiere ich dafür, erst einmal den Schadstoffausstoß der Autos zu begrenzen, bevor man hier mit Fahrradförderung beginnt!

Als Fazit bleibt für mich: Auch wenn ich hier und da die eine oder andere Anregung mitnehmen konnte, wird hier insgesamt – und dieses Wortspiel sei mir verziehen – das Rad auch nicht neu erfunden. Viele Ideen und Ansätze sind in Deutschland bereits verwirklicht oder werden ebenfalls diskutiert. Immerhin fand ich es aber gut, dass man in Mexiko scheinbar seinen eigenen Weg gehen möchte und nicht einfach ein Bild von Kopenhagen oder Amsterdam auflegt und sagt, dass das Ziel sein muss. Schließlich hat in Deutschland auch einmal alles klein angefangen und heute gehört das Rad wie selbstverständlich wieder zum Stadtbild.

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2 Kommentare so far
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Denke, bis sich das Fahrrad als Transportmittel hier einigermassen als Alternative überdenken lässt, werden noch unzählige Schlaglöcher und Holperstrassen zu regulieren sein! Aber hoffen wir das Beste!
Gruss aus PV

Kommentar von Vallartina

Interessanter Artikel!! (und besonders gefreut hat mich die Nebenbemerkung zum Debattieren 😀 )

Kommentar von Katharina




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