¡Viva Méjico, cabrones!


13 minus zwölf Semester
04/12/2011, 12:00
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , ,

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, mit Pullover schwitzt man und in der Ferne erklingt „Leise rieselt der Schnee“ – kann es einen besseren letzten Tag des Semesters geben? Wahrscheinlich nicht. (Für euch) gestern war jedenfalls so ein wunderschöner Tag (vom sich heute nicht einmal Mittags auflösenden Smog abgesehen), perfekt, um nach der letzten Klausur des Semesters zurück nach Hause zu schlendern.

Und perfekt, um einen kleinen Rückblick auf das Semester zu verfassen, während man auf die Reisebegleitung aus Alemania wartet (sofern sich Delta nicht vielleicht doch noch im letzten Moment überlegt, auch noch pleite zu gehen).

Was gibt es also über das Semester zu erzählen? Oder viel mehr – muss man noch etwas über dieses Semester sagen? Schließlich gibt es doch das Archiv, wo alles noch einmal nachgelesen werden kann. Aber ich will jetzt gar keine minutiöse Chronik abliefern, sondern es ein wenig allgemeiner fassen.

Fangen wir mit dem grundsätzlichen an: Schön, dass es vorbei ist! Ich hatte jetzt seit April durchgehend Uni, nur von einer Woche Wohnung ausräumen unterbrochen. Ein bisschen Pause tut da ganz gut. Zumal die vielen Eindrücke eines Austauschs in eine andere Kultur die Zeit viel länger erscheinen lassen. Ich bin jetzt knapp vier Monate hier – es könnten auch vier Jahre sein! Übrigens geht es am 9. Januar wieder los – bevor hier noch jemand glaubt, ich hätte jetzt monatelang nichts zu tun. Schließlich endet das nächste Semester bereits wieder Anfang Mai. Schade, hätte ich noch Vorlesungen in Deutschland, könnte ich mich jetzt über sehr lange Sommerferien freuen…

Auch das andere System war Anfangs nicht ganz ohne. Ja, es ist eine Umstellung, wenn man plötzlich einmal im Monat eine Zwischenprüfung hat, zu der Zwischenstände abgegeben werden müssen oder ein Examen fällig ist. Das deutlich unentspanntere Semester als in Deutschland kann als ein Nachteil gesehen werden, auch die Fülle an Hausaufgaben, die auch gerne mal am Vorabend der Abgabe noch per Mail aufgegeben werden (und mit in die Endnote eingehen).

Aber auch die Vorteile des Systems sollen nicht unerwähnt bleiben. Zum Einen sind da die kleinen Kurse, die die intensiven Hausaufgaben überhaupt erst möglich machen. Vorlesungen für 1000 Leute gibt es hier nicht, wenn wirklich viele Leute gleichzeitig ein Fach belegen müssen, gibt es eben 25 zeitversetzt stattfindende Kurse zu 40 Teilnehmern. Schlage das einmal einer in Deutschland vor. Und falls jetzt jemand denkt: „Die armen Tutoren, die so viele Kurse halten müssen!“ – ich habe an der Tec noch keinen Dozenten getroffen, der mehr als drei Kurse pro Semester unterrichtet. Private Elite-Unis bieten eben doch einige sehr handfeste Vorteile.

Aber auch ein anderer Vorteil ist nicht von der Hand zu weisen, der bei der Diskussion um die Systemfrage immer wieder von mexikanischer Seite angeführt wird: Die deutlich einfacheren Abschlussklausuren. Erstens sind diese nicht mal eben vier bis fünf Stunden lang wie in gewissen bahn-affinen Fächern an einer dem Autoren bekannten deutschen Uni, sondern maximal 90 Minuten. Zweitens zählt die Klausur bzw. das abzugebende Abschlussprojekt zwischen 30 und 10%(!) der Abschlussnote. Da man 70% zum Bestehen braucht, ist es also teilweise möglich, sich die Abschlussklausur zu schenken und trotzdem zu bestehen (vielleicht nicht gerade empfehlenswert, aber hey, 4 – bzw. 70 – gewinnt!). Und auch wenn es eine Binsenweisheit ist: Was man doppelt lernt, merkt man sich besser. Ich habe noch nie so schnell den Stoff eines ganzen Semesters wiederholt wie für meine letzte Abschlussklausur – und meine Endnote (ja, auch das geht bei Privatunis: Korrekturen innerhalb von 24 Stunden – am Wochenende!) spricht dafür, dass ich keineswegs dabei auf die Nase gefallen bin.

Soviel also zum edukativen Teil des letzten Semesters, schließlich Hauptgrund meines Aufenthalts am anderen Ende der Welt. Aber auch sonst bin ich mit dem bisherigen Semester sehr zufrieden. Zugegeben, Monterrey ist alles andere als das mexikanische Klischee. Im Grunde genommen ist es nicht einmal besonders hübsch (außer man hat einen Fetisch für schneisenartige achtstreifige Stadtautobahnen und ein- bis zweistöckige Funktionsbauten bis zum Horizont). Aber es ist eben MEIN smoggeplagter, bandenverseuchter, amerikanisierter Millionen-Alptraum. So seltsam es klingt: Ich liebe Metropolen, die einem über den Kopf wachsen und von denen man selbst bei aller Neugier nie mehr als ein paar Stadtviertel kennen wird. Vielleicht kann man das Gefühl mit Freiheit umschreiben. Die Freiheit, in einer Stadt zu leben, in der man alle Möglichkeiten hat, in der es – trotz aller Probleme – noch immer international zugeht und die niemals schläft. Ja, sicherlich gibt es drei wichtige Faktoren die mit in dieses verklärende Bild einer Stadt spielen, in der Morde inzwischen alltäglich sind. Erstens habe ich genügend Kleingeld, um hier ein angenehmes Leben zu führen; zweitens verbringe ich die meiste Zeit in der sicheren und sich international gebenden Wohlfühloase namens Tec; und drittens habe ich keinerlei Verpflichtungen.

Sicherlich, ich muss zur Uni gehen (schon allein wegen der Anwesenheitsliste), aber ansonsten bin ich zum ersten Mal seit dem ersten Semester ohne eine weitere Verpflichtung. Kein Job, kein Wahlamt, kein Debattierclub – einfach nur die simple Frage: Was mache ich heute? Natürlich fehlt einem manchmal eine Aufgabe (und darum an dieser Stelle auch vielen Dank an Prof. Becker für seinen neuen Auftrag), aber es tut gut, nach sieben Semestern unter Hochspannung wieder zu entspannen und es genießen zu können, in der Sonne zu liegen, statt sofort ein schlechtes Gewissen zu bekommen, da noch ein Stapel unerledigter Aufgaben auf mich wartet. Wer mich kennt, weiß, was es bedeutet, wenn ich sage: Es gab Phasen in diesem Semester, in dem ich nicht eine einzige Mail unerledigt war – und die meiste übrige Zeit handelte es sich um Facebook-Nachrichten. Ein eigenartiges, ein befreiendes Gefühl. Davon bitte mehr im nächsten Semester!

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