¡Viva Méjico, cabrones!


Ich mag den Golf

Irgendwann ist auch die schönste Weihnachtszeit einmal vorbei und darum ging es für mich am 1. Weihnachtsfeiertag von Tulum aus weiter auf die andere Seite der Halbinsel von Yucatán, nach Mérida, dem alten Hauptort, heute Hauptort des Bundesstaats Yucatán in Nähe der Küste vom Golf von Mexiko.

So richtig erschlossen hat sich mir aber nicht, warum man die Stadt besuchen soll. Mit Städten wie Guadalajara, Guanajuato oder San Miguel de Allende kann sich das koloniale Erbe nicht wirklich messen, auch wenn es natürlich das eine oder andere schicke Detail gibt, wie z.B. aus alten Maya-Ruinen erbaute Kirchen. Aber dennoch hatte ich eigentlich schon nach dem ersten Rundgang am Abend alles gesehen, was ich sehen wollte.

Am nächsten Morgen entschied ich mich daher für die einzige gangbare Alternative für einen Montag-Vormittag (zur Erinnerung: der Tag, an dem alle Museen geschlossen sind) in Mérida: Die kostenlose Stadtführung der städtischen Touristeninformation. Das stellte sich allerdings als absolutes Highlight heraus, denn der gutgelaunte und bestens informierte Guide führte unser kleines Grüppchen von vier Leuten zwei Stunden lang rund um die Plaza Grande. Ich wurde ohnehin sein spezieller Freund, nachdem er herausfand, dass ich aus Dresden komme – Stichwort: Maya-Kodex! Außerdem kannte er interessante Details, die der Lonely Planet nicht zu berichten wusste: So wird in der (dank Brandschatzungen zur Zeit der mexikanischen Revolution um 1912 angenehm schlichten) Kathedrale ein Kruzifix namens Cristo de las Ampollas (Christus mit den Brandblasen) angebetet. Der Name rührt daher, dass dieser Kruzifix einmal einen Brand überstanden hat, bei dem an der Jesusfigur außer den namensgebenden Brandblasen kein nennenswerter Schaden entstanden ist. Das weiß auch der Lonely Planet noch zu berichten. Was der Lonely Planet dagegen nicht zu berichten weiß: Leider wurde der Kruzifix bei den oben erwähnten Brandschatzungen verbrannt. Daraufhin wurde einfach eine neue Figur geschnitzt, die jetzt an seiner Statt angebetet wird. Mich würde dabei doch interessieren, wie die katholische Kirche den Übergang der Wundertätigkeit vom Original auf die Kopie erläutert…

Nach einem kurzen Abstecher zum Markt, wo ich zum Mittag aß, ging es dann zum Busbahnhof, wo ich nach etwa einer halben Stunde Warten in einer unfassbar langen Schlange (und das, obwohl alle sechs Ticketschalter geöffnet hatten!) mein Busticket nach Campeche lösen konnte.

Dort ignorierte ich, dass das Bus-Terminal weit außerhalb der Stadt lag und marschierte fröhlich und unbeschwert los. Eine Viertelstunde später erreichte ich verschwitzt, geschafft und verärgert über meine blöde Idee, derartig mit Gepäck beladen durch die Gegend zu laufen, dass Stadtzentrum. Hier mietete ich mich im Hostel del Pirata ein. Abends ging es auch wieder nur zu einer kleinen Erkundungstour und auf eine sopa de lima, dem einzigen yukatekischen Standardgericht, dass ich noch nicht probiert hatte (schade, denn es ist eine großartige Hühnersuppe!).

Der nächste Tag wurde lang, denn mein Nachtbus nach Veracruz verließ erst gegen 10 Uhr Abends die Stadt und entsprechend machte ich mich daran, die Zeit zwischen Aufstehen gegen 9 Uhr und der Abfahrt des Busses sinnvoll zu füllen. Als erstes ging es auf die baluartes, die Stadtbefestigungen von Campeche (übrigens die einzigen ihrer Art in Mexiko). In einigen sind auch Museen untergebracht und zwischendurch trieb es mich auch zum Mittagessen in das vom Lonely Planet – einmal mehr zu Recht – empfohlene Chef Color. Danach besuchte ich das kleine Museum Casa Cultural Número 6, in dem ein typisches campechanisches Bürgerhaus des 19. Jahrhunderts besichtigt werden kann. Anschließend ging es in Ermangelung an Alternativen raus zum Fuerte San José „El Alto“, einer alten Befestigung hoch über der Stadt, die zum Schutz vor den ständigen Piratenüberfällen auf den Ort diente und heute ein kleines Schifffahrtsmuseum beherbergt. Zu guter Letzt fand ich sogar noch ein wenig Zeit zum Lesen und für ein Abendessen in einem kleinem Familien-Restaurant-Schrägstrich-Galerie. Dort bekam ich dann auch endlich raus, warum mir in Yucatán immer nur Weizen-Tortillas zum Essen gereicht wurden: Da die ganzen ausländischen Touristen die Mais-Tortillas nie gegessen haben, wurde irgendwann schlicht umgestellt. Mir wurde aber versichert, dass man privat natürlich Mais-Tortillas bevorzugen würde, andernfalls würde ja geschmacklich was fehlen. Ein Befund, den ich nur unterstreichen kann! Ganz abgesehen davon, dass Weizen-Tortillas, ähnlich wie Toast, einfach nicht satt machen…

Danach kam der endgültige Abschied von Yucatán und der längste Schritt in Richtung Heimreise: Die Nachtbusfahrt von Campeche nach Veracruz auf der anderen Seite des Golfs (ca. 12 Stunden Fahrt). Glücklicherweise nicht mit Transportes Chihuahuenses, sondern diesmal mit dem Quasi-Monopolisten auf Yucatán, ADO. Genauer gesagt mit ADO gl, der Luxusmarke von ADO. Der Luxus bestand dann allerdings in erster Linie darin, dass Kopfhörer verteilt wurden, damit man sich entscheiden konnte, ob man den Film denn auch wirklich sehen möchte oder nicht. Trotzdem: Wer schon einmal müde mit einem mexikanischen Reisebus gefahren ist, versteht, dass es sich schon allein dafür lohnt, den Aufpreis zu bezahlen. Außerdem bietet ADO einfach die besseren Filme: Zwischen Mérida und Campeche gab es Happy-Go-Lucky (den wollte ich ohnehin schon immer einmal sehen), nach Veracruz Cinema Paradiso. Da kann Chihuahuenses mit seinem ollen Miley-Cirus-Filmen nach Büchern von Nicholas Sparks nicht mithalten. Dank des von mir erworbenen Ohropax – die einzige Apotheke, die so etwas führte und die ihre einzige Packung für mich entstauben musste(!), war die am Busbahnhof; ja, Mexikaner haben es nicht so mit Stille – wurde die Nacht einigermaßen erholsam. Und zum Abschluss gönnte ich mir dann noch ein bisschen Unterhaltung, in dem ich den letzten Rest von 72 Stunden ansah: Russell Crowe befreit seine (natürlich unschuldig!) wegen Mordes im Gefängnis sitzende Frau. Dass er dafür selber zumindest zum Totschläger wird und den Tod einer anderen Person fahrlässig in Kauf nimmt, scheint aber weder ihn noch irgendeinen Filmkritiker groß zu stören – sind ja schließlich nur unbedeutende Nebencharaktere und zu dem Crystal-Meth-Dealer…

Um Mittwoch um 11 Uhr Morgens waren wir dann endlich in Veracruz. In meinem Reiseführer steht über die Stadt unter Anderem, dass die Bewohner zwar mit einem den letzten Taco teilen, aber gleichzeitig einem auch den letzten Peso aus der Tasche ziehen würden. Dass dieser seltsame Satz durchaus zutrifft, konnte ich dann gleich auf meiner Taxifahrt in die Innenstadt beobachten, als mich der Taxifahrer zwar freundlich unterhielt und auch gerne bereit war, mich nach einem ersten vergeblichen Versuch zu einem anderen Hotel ein paar Blocks weiter zu fahren, dafür aber natürlich noch einmal den gleichen Preis wie für den deutlich längeren Weg in die Innenstadt haben wollte.

Während ich mich als Zoo-Fuzzie sofort auf den Weg zum größten Aquarium Lateinamerikas aufmachte, konnte ich mir auf dem Weg dorthin darüber Gedanken machen, wieso wir Mexiko eigentlich nicht mit Küste in Verbindung bringen, obwohl das Land deutlich mehr Küstenlinie als Landgrenzen aufzuweisen hat. Veracruz ist eine durch und durch mexikanische Stadt, die anders als die Städte in Yucatán auch keine vom mexikanischen Kernland losgelöste Geschichte hat – eher im Gegenteil, spielt die Stadt doch sogar eine wichtige Rolle in den Irrungen und Wirrungen Mexikos. Aber wie schon zuvor in der Karibik will mir einfach nicht in den Kopf, dass die hier genauso Mexiko sein soll wie Monterrey oder Guadalajara – denn Mexiko ist Wüste, kein Meer, Punkt! Dieses Land ist einfach zu vielschichtig und komplex für unseren eindimensionalen Stereotypen im Kopf…

Nach Aquariumsbesuch und Mittagessen wollte ich eigentlich nur ein kurzes Power Napping in meinem Hotel Villa Rica einlegen – es wurde dann doch ein bisschen länger. So musste der Besuch im Stadtmuseum leider entfallen, aber es gab trotzdem noch Platz für mich auf einer Hafenrundfahrt. Schließlich bin ich immer noch angehender Verkehrsingenieur und Veracruz der wichtigste Atlantikhafen Mexikos (sowie Tiefwasserhafen obendrein – man sieht also die richtig großen Pötte). Dabei ist alles etwas kleiner als in Hamburg und der Malecón gleich nebenan – den Lonely Planet scheint’s zu stören, aber ich als Norddeutscher finde es einfach großartig, wenn man mit in der Innenstadt noch maritimes Flair findet.

Jetzt gleich geht es dann wieder weg vom Golf von Mexiko ins Hochland, genauer gesagt einmal mehr in den DF. Schade, ich könnte noch ein bisschen länger Meeresfrüchte schlemmen. Aber dafür winken endlich wieder Mais-Tortillas…

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Hier könnte dein Senf stehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: