¡Viva Méjico, cabrones!


Mexiko – eine Bilanz
30/01/2012, 20:22
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Heute ist einer dieser Tage, an denen man sich dazu zwingen muss zu schreiben. Aber es nützt ja nichts, ich habe es schließlich das ganze Wochenende vor mich hergeschoben und ein wenig Disziplin kann auch nicht schaden. Nur die wirklich schlechte Anspielung im Titel bitte ich zu verzeihen.

Warum aber eine Bilanz? Ganz simpel, vor einem halben Jahr (plus vier bis fünf Tage, je nach Blickwinkel) bin ich nach Mexiko aufgebrochen: Am 27. Juli 2011 habe ich also zum ersten Mal in meinem Leben mexikanischen Boden betreten. Und da wir Menschen es mit einprägsamen Zahlen, auch gerne „Jubiläen“ genannt, haben, scheint es an der Zeit, ein wenig Bilanz zu ziehen.

Studieren:
Auch wenn der VVO es vielleicht anders wahrnimmt – ich bin hier in erster Linie zum Studieren. Dank Anwesenheitspflicht ist auch dafür gesorgt, dass dies keine Aussage für potenzielle zukünftige Arbeitgeber ist, sondern der Wahrheit entspricht. Schließlich lege ich keinen Wert darauf, dass irgendwann in meinen Studienunterlagen steht, dass ich wegen zu vieler Fehltage durchgefallen bin!
Zur Tec de Monterrey habe ich schon etwas geschrieben. Natürlich sieht man mit der Zeit alles ein wenig nüchterner, wiewohl ich trotzdem dabei bleibe, dass der Fokus auf die Studenten eine der Stärken der Tec ist. Ich habe auch den Eindruck, dass die Tec in der mexikanischen Gesellschaft ein wenig zu kritisch gesehen wird. Natürlich ist es nicht gerade Werbung für die Uni, dass ein underachiever wie Peña Nieto selbstverständlich einen Abschluss der Tec in der Tasche hat, aber andererseits braucht es solche Leute, die das Studium voll bezahlen (können), um den „normalen“ Studenten Stipendien anbieten zu können. Und auch wenn die Nähe zwischen einigen Firmen (die wiederum Mexiko maßgeblich beeinflussen) und der Tec aus ethischer Sicht sicher nicht wünschenswert ist, so ist es falsch, die ganze Institution als abgehobenen und elitären Zirkel zu sehen. Die Tec möchte in erster Linie Mexikaner dafür ausbilden, das eigene Land voran zu bringen und dabei auch die drängenden sozialen Fragen nicht aus den Augen zu verlieren und sie gibt sich meiner Auffassung nach auch ehrlich die Mühe, dieses Ziel umzusetzen. Vielleicht sollte man in Mexiko hier etwas schärfer zwischen der Oberschicht und der Tec trennen – nur weil es eine sehr große Schnittmenge gibt, heißt dies noch lange nicht, dass es sich um dasselbe handelt. Andererseits muss ich aber auch eingestehen, dass es einige Gerüchte (und auch Tatsachen) über die Tec gibt, die eine eher autoritäre Geisteshaltung nahelegen. Nur leider lässt sich häufig nicht verifizieren, was eine Tatsache ist und was nur Vorurteil.
Trotzdem, mein Fazit ist, dass es sich gelohnt hat, an die Tec zu gehen. Ich habe hier einiges gesehen, was ich inspirierend fand und sicherlich auch in Deutschland keineswegs fehl am Platze wäre: Eine nahezu komplett internetbasierte Verwaltung, rund um die Uhr geöffnete Bibliotheken und Cafeterien, Fokus auf Ausbildung und erst in zweiter Linie auf Forschung, Beratungsstellen für Existenzgründer oder für Familienunternehmen, praktische Arbeit mit microempresas (das sind Inhaber-geführte Geschäfte mit wenigen oder keinen Angestellten) zu beiderlei Nutzen, acht-, neun- oder zehnsemestrige Bachelor usw. Man muss ja nicht gleich alles übernehmen, wie z.B. geschlechtergetrennte Wohnheime oder Anwesenheitslisten…

Freunde:
Während ich im letzten Semester noch damit haderte, dass ich so wenig Kontakt zu anderen Austauschstudenten hatte, so ist mir dies spätestens seit Semesterbeginn egal. Denn spätestens da ging mir auf, dass außer mir ohnehin kaum Studenten für ein zweites Semester geblieben sind. Sprich: Ich sähe jetzt ziemlich alt aus.
Doch glücklicherweise habe ich von Anfang an darauf gesetzt, mich mit Mexikanern anzufreunden. Somit gibt es genug Leute, die sich darüber gefreut haben, mich wieder zu sehen.
Trotzdem, ganz unkompliziert ist es trotzdem nicht: Mexikaner in meinem Alter arbeiten im Normalfall schon, während meine Kommilitonen oft deutlich jünger sind. Also habe ich zwei mehr oder weniger strikt von einander getrennte Freundeskreise, zudem sich jetzt eventuell noch ein dritter in Form der Freunde und Kollegen meines neuen Mitbewohners Memo gesellt.
Und was mich dabei eigentlich am meisten überrascht: Ich habe insgesamt sogar drei Leute, die ich inzwischen schon als „richtige“ Freunde bezeichnen würde, also Leute, mit denen man auch einmal über ernstere Themen reden kann. Das hätte ich vor einem halben Jahr bestimmt nicht erwartet!

Alltag:
Natürlich habe ich einen Alltag – wenn auch vielleicht nicht den typischen mexikanischen Alltag. Dazu lebe ich einfach zu sehr in der Wohlstandsblase. Klar, alles ist ein wenig „mexikanischer“ und speziell hier in Monterrey ist vielleicht ein bisschen mehr schwarz vermummtes Militär auf den Straßen unterwegs als in Dresden, aber am Ende könnte ich mein derzeitiges Leben auch so ähnlich in Deutschland führen.
Aber ich versuche dennoch, mit offenen Augen durchs Leben zu laufen und ein bisschen mehr der mexikanischen Realität aufzuschnappen. Dank meiner mexikanischen Freunde klappt dies erstaunlich gut: Kindergeburtstage, Trauerfeiern, Grillfeste, Silvester – ich feiere die Feste, wie sie fallen. Auch habe ich dank ihnen ein wenig Einsicht in den mexikanischen Arbeitsalltag (nicht so pralle) und auch mit Drogenkonflikt und der illegalen Migration in die Vereinigte Staaten hatte ich indirekt schon zu tun (an dieser Stelle sei euch der Film A Better Life ans Herz gelegt – der Hauptdarsteller Demián Bechir ist zu Recht für den Oscar nominiert worden). Auch so profane Sachen wie albures, Wortspiele mit sexuellem Unterton, sind mir inzwischen geläufig, auch wenn sie mir oft zu pubertär da zu platt sind (und das sage ausgerechnet ich!). Ich gebe also wirklich mein Bestes, ein wenig mehr Einblick in den mexikanischen Alltag zu erhalten. Ob es geklappt hat, wird sich im Juni zeigen, wenn ich wieder im deutschen Alltag stehe.

Reisen:
Ich habe schon einiges von Mexiko gesehen – und habe vor, dass es noch mehr wird; auch wenn ich über Ostern meine ehemalige Gastfamilie in Ecuador besuchen werde.

Und sonst so:
Das halbe Jahr hat auch geholfen, nicht nur räumlich, sondern auch geistig ein bisschen Abstand zu Deutschland zu gewinnen. Viele Sachen, die mir vor einem halben Jahr durch den Kopf schwirrten, konnten sich jetzt in Ruhe ein wenig setzen und so manche Sache sehe ich inzwischen klarer. Somit hoffe ich, dass ich in Deutschland mehr oder weniger etwas Neues beginnen kann – ohne das Alte über Bord werfen zu müssen.

Was ich vermissen werde:
Einiges! Angefangen beim Essen: Wie ist ein Leben ohne gestampfte Bohnen überhaupt vorstellbar? Oder totopos (Nachos ohne künstlichen Geschmack)? Oder quesadillas (mit Käse und Fleisch gefüllte Maisfladen)? Das sind Fragen, denen ich mich im Juni stellen werden muss.
Auch das eher lockere und freundliche Miteinander sind natürlich Aspekte, die in Deutschland nicht so ganz im Fokus stehen (aber dafür wiederum andere Sachen, die einem hier in Mexiko ein wenig fehlen, wie z.B. Verlässlichkeit).
Daneben gibt es hier auch noch ein paar andere bekannte Vorzüge: Das Wetter, schöne Frauen, die niedrigeren Lebenshaltungskosten. Aber zu Hause ist es ja auch ganz schön…

Fazit:
Zum zweiten Mal in meinem Leben bin ich für längere Zeit in ein Land gegangen, in das ich eigentlich nie wollte – und zum zweiten Mal bin ich nicht enttäuscht worden!

Advertisements

Schreibe einen Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar



Hier könnte dein Senf stehen!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: