¡Viva Méjico, cabrones!


We’re not amused!
08/02/2012, 21:09
Filed under: Méjico | Schlagwörter: , , , , , ,

Sicherlich, als Betroffene mögt ihr das sicherlich anders sehen, aber ich beneide euch: Wie gerne würde ich jetzt bei klirrender Kälte in Deutschland weilen statt in diesem Pseudowinter, der auch nicht dadurch gemütlicher wird, dass es hier trotz 10 Grad keine Heizung hat. Ja, ich liebe die Kälte – aber nur, wenn man anschließend aus ihr heraus wieder ins warme Zimmer kommt und sich unter eine dicke Winterdecke ins Bett kuscheln kann. Zwar kann meine Klimaanlage auch „warm“, aber glaubt mir: Das ist nicht annähernd dasselbe.

Zu allem Überfluss sorgt das miese Wetter hier vor Ort, dass einem grauen September- oder Oktobertag (ungemütlich, aber wenigstens nicht unangenehm feucht) in Deutschland gleicht, dafür, dass ich hier keineswegs wie beabsichtigt etwas über den Cerro de la Silla, Monterreys Hausberg, berichten kann. Denn das Wetter am Wochenende versprach Nebel statt grandiosem Blick, weswegen die Besteigung weiterhin warten muss. Zu allem Unglück haben außerdem die Giants den Super Bowl gewonnen (ich war für die Patriots – aus dem simplen Grund, dass alle anderen für die Giants waren. Und wegen Tom Brady – man muss kein Football-Fachmann sein, um sehen zu können, dass er ein verdammt guter Quarterback ist!) und mir ging auf, dass ich nicht etwa einer der ersten Passagiere sein werde, die in Berlin Brandenburg International landen, sondern einer der letzten, die in Tegel ankommen. Umso ärgerlicher für einen Flughafensammler wie mich, dass dies wahrscheinlich daher rührt, weil die gute Call-Center-Angestellte von Air France nicht wusste, dass Tegel außer Dienst gestellt wird. Ich fand ihre Bemerkung beim Umbuchen, dass es am 3. Juni keinen Flug von Paris nach Berlin geben würde, schon gleich seltsam, ging aber davon aus, dass sie damit meinte, dass es keinen freien Platz mehr gibt. Inzwischen glaube ich eher, dass sie statt Paris-Berlin nach CDG-TXL gesucht hat – und da gibt es natürlich in der Tat am 3. Juni keine Verbindung mehr. Ärgerlich, denn so aufregend ist Tegel nun wahrlich nicht, dass man den Flughafen noch ein letztes Mal vor Außerdienststellung sehen muss!

Wenn ich also schon einmal dabei bin, mich über die Nichtigkeiten des Lebens aufzuregen, dann kann ich dem doch auch gleich einen Bericht über die Sachen, die mich an Mexiko stören, folgen lassen. Das ist inzwischen gar nicht mehr so viel, denn viele Sachen nerven nur am Anfang; mit der Zeit findet man aber normalerweise irgendwelche Wege, damit umzugehen. Es ist auch keinesfalls so, dass ich wegen dieser Sachen innerlich andauernd brodele (allenfalls in einer konkreten Situation), es sind eher Sachen, die mir auffallen und von denen ich es weiß, dass sie es mir sehr schwer machen würden, dauerhaft (im Sinne von: für immer) in Mexiko zu leben. Man kann sich zwar mit ihnen arrangieren, aber es kommt häufiger vor, dass ich innerlich die Augen verdrehe, wenn sie mir unterkommen.

Als dann, lassen wir das fröhliche Mexiko-Bashing beginnen:

  • Das Gefühl, ständig beschissen zu werden
    Zugegeben: Ich weiß nicht, ob dies nicht eher meiner Einbildung entspringt, aber ich habe leider viel zu häufig den Eindruck, dass man nach Strich und Faden beschissen wird. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Ausländerbonus, den man hier gerne einmal auf den eigentlich Preis aufschlagen darf. Es ist schließlich normal, dass Touristen damit rechen müssen, übers Ohr gehauen zu werden und dass ich als solcher durchgehe, finde ich jetzt nicht sonderlich überraschend (schließlich kann keiner ahnen, dass ich bereits ein halbes Jahr im Land bin). Ehrlich gesagt kann man den Touristenbonus normalerweise schon dadurch umgehen, dass man auf Spanisch redet, möglichst ein paar Mexikanismen benutzt (chido, platicar, no manches o.ä.) und deutlich macht, dass man nicht völlig planlos ist.
    Aber trotzdem habe ich häufig das Gefühl, dass man mich zu übervorteilen versucht. Nicht unbedingt nur im finanziellen Sinne, sondern auch bei anderen „Verhandlungen“ wie zum Beispiel Gruppenarbeiten oder Freundschaftsdienste. Irgendetwas tief in mir drin bleibt fast immer skeptisch, wenn mir ein Mexikaner einen Deal vorschlägt, da ich immer den Eindruck habe, dass Mexikaner einen solchen nur dann vorschlagen, wenn sie sich auf der sicheren Gewinnerseite sehen. Nur mit wirklich guten Freunden habe ich ein Verhältnis, wie ich es auch in Deutschland mit den meisten Menschen habe: Basierend auf der Grundannahme, dass ein faires Geschäft zugrunde liegt, von dem beide Seiten sich ungefähr den selben Einsatz und den selben Lohn erwarten. Schließlich will ich eine langfristige Beziehung zu beiderlei Nutzen. Mexikaner scheinen mir dagegen oft den kurzfristigen über den langfristigen Nutzen zu stellen – Hauptsache, ich habe jetzt gleich profitiert!
    Vielleicht rührt mein Misstrauen daher, dass es in Mexiko einen leichten Hang zur Übertreibung gibt, der dann die tatsächliche Leistung etwas weniger strahlen lässt, aber ich weiß auf jeden Fall, welches Ereignis mich dazu veranlasst hat, diese Haltung zu verinnerlichen. In einem meiner Unikurse im letzten Semester spielten wir folgendes Szenario durch: Zwei Gruppen mussten über zehn Runden jeweils entscheiden, ob sie miteinander kooperieren wollten oder nicht. Entschieden sich beide zum kooperieren, gab es für beide Gruppen einen kleinen Bonus. Entschied sich eine Gruppe zum Kooperieren und die andere dagegen, bekam die unkooperative Gruppe einen großen Bonus, während die kooperative Gruppe mäßig bestraft wurde. Entschieden sich beide Gruppen dazu, unkooperativ zu sein, wurden dagegen beide hart bestraft. Letztendlich entschied sich meine Gruppe für eine unkooperative Taktik (interessanterweise auf Bestreben der Frauen in unserer Gruppe, während wir Männer eher in Richtung Solidarität und so tendierten) und fuhren damit durch Glück ein anständiges Ergebnis und somit den Sieg ein. Wie gesagt, wir hatten Glück – wenn unsere Gegner nicht so gutgläubig gewesen wären, mehrmals auf uns reinzufallen, hätte es auch anders ausgehen können.
    Wenn es die Mexikaner also noch nicht einmal in einem unwichtigen Spiel, in dem es um nichts außer der Ehre geht, lassen können, alles für einen kleinen Vorteil zu riskieren, dann möchte ich gar nicht wissen, wie sie im realen Leben verhandeln. Und vertraue noch weniger darauf, dass sie mir ein gutes Angebot unterbreiten!
  • Das fehlende Verantwortungsbewusstsein
    Nun geht die kleine Anekdote aber noch weiter: Nachdem wir als Gruppe unseren Sieg gefeiert hatten, teilte uns die Dozentin mit, dass sie dem ganzen Kurs die vollen 100 Punkte in der nächsten Zwischenprüfung gegeben hätte, wenn wir uns alle über die kompletten 10 Runden kooperativ gezeigt hätten. Meine Reaktion war in etwa: „Tja, das hast du nun davon – statt dich vehement dafür einzusetzen, dass wir kooperieren, hast du dich brav überstimmen lassen und danach auch alles daran gesetzt, dass wir mit der unkooperativen Taktik gewinnen. Geschieht dir ganz Recht!“ Die Reaktion einiger Teamkameraden war: „Das ist unfair! Wieso haben Sie das nicht vorher gesagt? Wenn wir das gewusst hätten, hätten wir ganz anders gespielt!“
    Besonders überraschend fand ich die Reaktion nicht. Schließlich stehen auch mexikanische Autos nicht ohne Grund im Parkverbot, sondern weil die Besitzer einen wichtigen Termin hatten und keinen freien Parkplatz gefunden haben. Und die korrupte Polizei ist deswegen ein Übel, weil man sie andauernd Bestechen muss.
    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dank einiger unverständlicher Parkverbotszonen gibt es in der Tat vielerorts einen Mangel an Parkplätzen und die korrupte Polizei ist nichts, was Mexiko voran bringt – aber prinzipiell sind sie nicht der Auslöser für die Unannehmlichkeiten, in die die Mexikaner geraten. Schließlich wird kein Mexikaner dazu gezwungen, sein Auto ins Parkverbot zu stellen, und die Polizei lässt sich deswegen Bestechen, weil sie einem zum Beispiel dabei erwischt hat wie man besoffen Auto gefahren ist. Sprich: Egal wie das Ergebnis ist – hättest du dich an die Regeln gehalten, müsstest du dich gar nicht erst beschweren!
    Nun mag es im Kleinen ja noch eher amüsant sein, wie Mexikaner jegliche Schuld von sich weisen und Gott und die Welt bezichtigen, es auf sie abgesehen zu haben. Aber im Großen hat dies durchaus negative Auswirkungen. Nehmen wir zum Beispiel einmal die Probleme Mexikos. Wer ist der Schuldige? Na, die unfähigen Politiker natürlich (und die Reichen, dies rührt aber in erster Linie daher, weil sie entweder mit den unfähigen Politikern identisch sind oder weil sie von den unfähigen Politikern in Ruhe gelassen werden)! Das Spannende ist für mich nur die Frage: Wie sind diese unfähigen Politiker eigentlich an die Macht gekommen? Etwa durch die gleichen Mexikaner, die jetzt Jammern? Der Verdacht drängt sich auf, denn in einem Land wie Mexiko braucht man auch mit Wahlfälschung ein paar Millionen Stimmen, um Präsident zu werden.
    Natürlich könnte man jetzt etwas dagegen tun und zum Beispiel selbst politisch aktiv werden. Es muss ja nicht gleich mexikanischer Präsident sein, das wäre sicherlich etwas illusorisch, aber warum nicht mit einer Bürgerplattform Bürgermeister von Monterrey werden und erst einmal im Kleinen beginnen? In anderen Ländern wie z.B. Kolumbien oder auch in Deutschland (Die bestehenden Parteien passen dir nicht? Dann gründe deine eigene Partei und nenne sie die Grünen! Die Grünen sind inzwischen selbst ein Teil des Problems? Dann mach eben die Piraten auf!) ist das durchaus Gang und Gebe. Aber hier in Mexiko scheint das keine Idee zu sein, die viele Anhänger hat. Entweder ist der Leidensdruck noch nicht groß genug – oder es ist einfach so viel einfacher, jede Schuld von sich zu weisen und darauf zu warten, dass jemand anderes für einen den Karren aus dem Dreck zieht.
  • Die chaotische Zeitplanung
    Mexikaner und die Zeit – noch so eine Sache, die mich oft die Stirn runzeln lässt. Damit meine ich jetzt nicht, dass man hier des Öfteren ein Minütchen mehr warten muss. Schließlich kann man sich mit der Zeit darauf einstellen und sich etwas zu Lesen oder einen Laptop (wir leben schließlich im 21. Jahrhundert) mitnehmen. Wer sich dagegen lieber partout jedes Mal wieder aufs Neue aufregen möchte, dem kann ich dagegen nur sagen: Bitte, nur zu, es ist schließlich deine Lebenszeit, die du verschwendest. Wobei es manchmal schon kurios ist, wie leichtfertig Mexikaner mit der Lebenszeit ihrer Mitmenschen umgehen: Mir ist auch schon mehrmals aufgefallen, dass die Phrase „X ist im Moment nicht da, aber Sie können hier warten.“ nicht mit „X ist gerade auf Toilette und kommt gleich zurück.“ übersetzt werden kann. Es scheint eher etwas wie „Keine Ahnung, wo X steckt. Wahrscheinlich beim Mittagessen. Aber wo Sie schon einmal hier sind, wäre es ja unhöflich, Sie mit der Bitte wegzuschicken, es einfach noch einmal in einer Stunde zu probieren.“ zu bedeuten.
    Aber dennoch ist es etwas anderes, das mich aufregt, nämlich die Kurzfristigkeit. Ein Beispiel von gestern: Ein Kommilitone fragt mich, ob ich ihm für eine Hausarbeit mit ein paar Infos zum Geschäftsgebaren in Deutschland aushelfen kann. Klar kann ich das. Bis wann bräuchte er denn die Auskunft? Och, am Besten bis gegen 20 Uhr. Woran er mich dann, nur um sicher zu gehen, zwei Stunden später auch noch einmal per Mail erinnert. Wie es der Zufall so will hatte ich letztens eine ähnliche Aufgabe in einem anderen Fach, weswegen ich noch Links zu entsprechenden Seiten für Ausländer hatte und ihm diese einfach weiterleiten konnte, aber es ist symptomatisch: Bis zur letzten Minute warten, dann aber plötzlich Stress machen!
    Das muss dabei gar nicht seine Schuld sein – ich habe mich schon des Öfteren darüber aufgeregt, wenn wir wieder einmal eine umfangreiche Hausaufgabe für die nächste Stunde aufgebrummt bekommen haben. Denn warum sollte ich meinen Studenten auch das Wochenende verderben, indem ich ihnen am Donnerstag mitteile, dass ich in einer Woche eine Analyse von 30 Seiten Lektüre in Essayform haben möchte. Lieber sage ich es ihnen erst am Dienstag, da haben sie schließlich noch den ganzen Mittwoch Zeit (abgesehen von der Zeit, die sie mit anderen Fächern verbringen, aber schließlich muss man auch mal Pause machen).
    Zu allem Überfluss zieht sich das Kurzfristige durch alle Lebenslagen. Es hat schlichtweg keinen Sinn, in Mexiko etwas länger als eine Woche im Voraus zu vereinbaren – nicht nur, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es vergessen wird (wogegen man schließlich mit einer Rückversicherung ein, zwei Tage im Voraus angehen könnte), sondern dass den Leuten einfach etwas dazwischen kommt, was sie nicht verschieben können. Vielleicht eine Familienfeier. Oder etwas im Job. Oder eben eine umfangreiche Hausaufgabe.
    Und darum sind Mexikaner wahrscheinlich auch so herrlich spontan – sie haben gar keine andere Möglichkeit, selbst wenn sie wollten.

Das sind also drei Sachen, die mich an Mexiko stören. Ob es sich dabei um real existierende Probleme handelt oder ich sie mir nur herbei konstruiere, um mich in meinen persönlichen Borniertheiten wohler zu fühlen, sei dahin gestellt. Aber gut, dass wir einmal darüber gesprochen haben!

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